Berlin : Helmut Spanehl (Geb. 1926)

Er dachte nach, über das gelebte Leben und das ungelebte

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Die Masuren, Berlin, Frankreich, England, Amerika. Mit einem Personenzug, in Güterwaggons, zu Fuß, auf Lkw, per Schiff. Eine Reise, von der er 20-jährig zurückkehrte. Vier Mal hätte er sterben können in diesen 20 Jahren.

Mit zwei stand Helmut am offenen Fenster im fünften Stock in der Yorckstraße und schaute auf seine Schwestern, die unter ihm auf dem Bürgersteig spielten. Beugte sich hinaus, immer weiter, bis ihn jemand von hinten griff und ins Zimmer zog.

Mit 17, in der Normandie, flog der Lkw, auf dem er saß, von einem Panzergeschoss getroffen, in die Luft. Er war der einzige Überlebende.

Mit immer noch 17, auf einem Schiff von Glasgow nach New York, sollten U-Boote das Schiff angreifen. Im letzten Moment wurden sie zurückgerufen.

Mit 19, aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und auf dem Weg nach Berlin, lief er mit einem alten Gewehr durch die Ardennen, um ein Reh zu erlegen. Wilderei war verboten, aber er wollte seiner Mutter etwas mitbringen. Ein Jäger entdeckte ihn: arglos auf einem Hochstand, nicht verborgen in einem Gebüsch daneben. Sonst hätte er ihn erschossen.

In den Zeiten dazwischen ging er in Berlin zur Schule, molk Kühe und pflügte Äcker auf einem Hof in Ostpreußen, wünschte sich zu Weihnachten ein Spielzeugauto, bekam keines, weil das Geld nicht reichte, sah, wie seine Eltern sich trennten, brach seine Lehre bei einem Rechtsanwalt ab, weil er zum Arbeitsdienst einberufen wurde, saß mit einem Maschinengewehr an der französischen Atlantikküste, hörte die Schreie der verletzten Soldaten, lag in einem englischen Lazarett, stand vor der Freiheitsstatue, pflückte auf den Feldern Arizonas Baumwolle, fror und feierte seinen 18. Geburtstag in einem Lager in Kalifornien.

Venedig, Genua, Nizza, Schweden, Sylt, die finnischen Seen, auf dem Motorrad, im Auto: Die Reisen der nächsten Jahrzehnte waren Vergnügungsreisen, mit seiner Frau, mit den beiden Söhnen. Er wollte leben, lernen, das Verpasste aufholen, beendete seine Lehre im Anwaltsbüro und las jedes Lehrbuch, das er kriegen konnte. Dann wurde er Polizist, fasste Fahrraddiebe, brachte Verrückte zurück in die Klinik, lief nachts die Straßen auf und ab. Aber das reichte ihm nicht. Er bewarb sich bei der Kripo. Der Reviervorsteher lehnte ab. Indes stiegen ehemalige Wehrmachtsangehörige höherer Ränge problemlos in der Hierarchie auf. Helmut kündigte.

Und entschied sich, in die Druckerei seiner Frau einzusteigen. Sie kümmerte sich ums Kaufmännische, er stand an den Maschinen. Druckte Lieferscheine, Zettel für Pfandflaschen, Rechnungen. Sie bauten ein Haus in Buckow, oben die Wohnung, unten das Geschäft. Standen jeden Morgen zwei Stunden vor den Söhnen auf und erledigten auch noch Aufträge nach Betriebsschluss. Helmut wirkte gehetzt. Ein Glas war für ihn immer halb leer, nicht halb voll. Er dachte nach, über das gelebte Leben und das ungelebte. Mal ging er tanzen, ein anderes Mal saß er melancholisch auf einem Stuhl. Am 24. Dezember sagte er: „Solange Kriege geführt werden, kann ich mich nicht friedlich unter den Weihnachtsbaum setzen.“

Er lernte Finnisch, versuchte es mit Japanisch. Trat einem deutsch-japanischen Verein bei und hatte es schnell satt, dass alle immerzu nur von Völkerverständigung redeten. Im Urlaub übte er mit seinen Söhnen eine Stunde pro Tag Kopfrechnen. Dem gesellschaftlichen Einerlei allzu artig anpassen aber sollten sie sich nicht. Und so schickte er sie eines Morgens mit zweierlei Socken zur Schule.

In die Druckerei kamen nach und nach weniger Kunden. Die Umstellung auf den Fotosatz hatten sie noch mitgemacht, die digitale Welt aber war ihnen zu unübersichtlich und zu teuer. Seine Frau, die Bodenständige von beiden, begann langsam ihr Gedächtnis zu verlieren. Er umsorgte sie und sah dabei über seine eigene Krankheit hinweg. Der Krebs wuchs, aber die Schmerzen waren auszuhalten. Ein halbes Jahr vor seinem Tod sagte er: „Meine Kräfte lassen nach. Ich schaffe nur noch zehn Liegestütze. Keine fünfzehn mehr.“ Tatjana Wulfert

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