Berlin : Henna für die Ewigkeit

Maren Sauer

"Es ist wirklich merkwürdig", wundern sich Anita und Fawad Ahmadi noch heute, "dass wir uns nicht schon viel früher über den Weg gelaufen sind." Er kam vor elf Jahren als Teenager mit seinen Eltern und den Geschwistern aus Afghanistan nach Rudow. Sie, ein Jahr jünger als ihr Mann, verließ ihre Heimat, die auch seine ist, nur wenige Wochen später und zog mit der Familie nach Charlottenburg. Dennoch, und obwohl ihre Mütter sich bereits flüchtig kannten, führte erst das afghanische Neujahrsfest anno 1376 beide zusammen.

Der afghanische Kalender führt die Menschen zurück ins 14. Jahrhundert. 1376 - dieses afghanische Jahr entspricht nach unserer Zeitrechnung 1997. "Ich hab mich sofort in Anita verliebt", erinnert sich der inzwischen 27-Jährige, "als ich sie bei der Feier im Haus der Kulturen der Welt sah." Und nicht nur das: "Noch am gleichen Abend hab ich ihr gesagt, dass ich sie gerne heiraten möchte." Natürlich sei die Überraschung groß gewesen, gibt die ausgebildete Kosmetikerin zu, doch es war gewiss keine der unangenehmen Art.

Offenbar auch nicht für die Eltern des Paares, die traditionell eine wichtige Rolle bei den ersten Schritten zum Eheglück spielen. "Zu unserer Kultur gehört es", erklärt Fawad Ahmadi, "dass die Eltern des Bräutigams bei den Eltern der Braut um deren Hand anhalten. Das haben meine auch sehr bald gemacht." Dass sie mit einem Veto der Brauteltern vom ersten Antrittsbesuch zurückkehrten, vermochte ihn nicht zu wundern. Denn: "Dadurch wird der Wert der Braut erhöht." Um so gelassener sah er dem zweiten Nein der zukünftigen Schwiegereltern entgegen. Wohlwissend, dass die letztendlich doch zustimmen und den Verlobungstermin festlegen würden. Knapp drei Monate nach der ersten Begegnung versprachen sich beide im Kreise ihrer Familien und Freunde die Ehe.

In Berlin leben nach Angaben des Afghanischen Kulturzentrums etwa 1200 Afghanen. Bei so einer kleinen Zahl sind Hochzeiten nicht sehr häufig. Wenn es eine gibt, dann halten sich die Paare meist an die Regeln, die sie aus Afghanistan kennen.

Tränen am Tag der Trauung

"Die Verlobung", erzählt Anita Ahmadi, "ist schon deshalb sehr wichtig, weil sie der Verwandtschaft zeigt, dass man ein Paar ist. Normalerweise hätten wir ja vorher gar nicht zusammen ausgehen dürfen." Fortan durften sie und taten es ausgiebig. Kaum ein Tag verging, an dem der gelernte Einzelhandelskaufmann seine Zukünftige nicht in Restaurants einlud oder mit Blumen und Geschenken überraschte.

Anita und Fawad Ahmadi heirateten knapp ein Jahr nachdem sie sich kennen gelernt hatten - zunächst standesamtlich. Für beide, die gleichermaßen großen Wert auf heimatliche Bräuche legen, war das nur ein Etappenziel. Denn bis zum eigentlichen Hochzeitsfest vergingen weitere sechs Wochen. In denen galt es freilich nicht nur, den bevorstehenden Umzug sowie die afghanische Trauungs-Zeremonie mit 250 Gästen vorzubereiten, sondern auch, eine in einem Grünton gehaltene Robe für das Ritual und eine für die Feier danach zu finden. Zwar würde auch manche islamische Braut gerne die hier zu Lande geläufige Gepflogenheit übernehmen, den Bräutigam mit dem Hochzeitskleid zu überraschen, sagt Anita Ahmadi. Doch da der Mann das Kleid zu zahlen habe, wolle er auch entscheiden, ob es ihm gefällt.

Während Fawad Ahmadi mit der knapp eineinhalbjährigen Tochter Julie spielt, denkt er an den Tag der Feierlichkeiten zurück, der mit Tränen begann und erst früh am nächsten Morgen endete: "Für meine Schwiegereltern war der Moment, als ihre Tochter das Haus verließ, ein sehr schlimmer." Doch auch die litt, bei aller Vorfreude auf den neuen Lebensabschnitt, nicht minder. "Wir haben viel geweint", erinnert sie sich, "weil es richtig weh tat, von allen Abschied zu nehmen".

Dem kulturellen Ritus folgend, sei sie danach, mit einem Schal überdeckt, von den Eltern ihres Mannes abgeholt worden. Die Gäste feierten bereits seit einigen Stunden in einem Saal des Congress-Center am Alex, als die Zeremonie eröffnet wurde. Der Bräutigam, einige männliche Familienmitglieder sowie ein Mullah fanden sich dazu in einem separaten Raum ein, lasen aus dem Koran und verhandelten schließlich über den Ehevertrag. Obgleich es bei der darin festgehaltenen Summe, die im Falle der Scheidung der Braut zusteht, inzwischen in erster Linie um Symbolik ginge, wie Fawad Ahmadi sagt, sei sie traditionell wichtig. "Als wir uns auf den Betrag geeinigt hatten,", schildert er, "wurde Anita gefragt, ob sie mich heiraten und für immer mit mir zusammen bleiben möchte."

Der dreimaligen Frage folgte ihr dreimaliges Ja, und nachdem der Bräutigam mit drei Ja-Worten seine Zustimmung quittiert hatte, wurden als Zeichen der vollzogenen Trauung Süßigkeiten an die Gäste verteilt. Abgesehen vom Ritual, dass die Hände des Brautpaares mit Henna bemalt werden, was Glück bringen soll, unterscheide sich der weitere Verlauf afghanischer Hochzeitsfeiern nur unwesentlich von dem deutscher. "Auch in unserer Kultur ist es so", erzählt Anita Ahmadi, die nach dem Erziehungsurlaub unbedingt als Teilzeitkraft in ihren Beruf zurück möchte, "dass man Geschenke bekommt, die Torte anschneidet und den Tanz eröffnet".

Exotischer mutet da wahrlich das Ziel der Flitterwochen an: Per Mietwagen ließen sich die Jungvermählten vier Wochen durch Indien fahren. Geblieben ist außer vieler Erinnerungen die gemeinsame Leidenschaft für indische Filme. Doch im richtigen Leben haben sie sich für Deutschland und ihre Zukunft in Berlin entschieden. Seit einigen Jahren ist Fawad Ahmadi als Objektleiter einer Reinigungsfirma im Maritim proArte-Hotel beschäftigt. Und im letzten Jahr zog die Familie der Tochter zuliebe in eine Wohnung am Stadtrand.

Nach dem 11. September sah sich das Paar Anfeindungen ausgesetzt. "Aber das hat sich gelegt", sagt Fawad. Den Antrag zur Einbürgerung lassen sie weiter laufen. So werden sie auch den Rest des 14. Jahrhunderts die afghanischen Neujahrsfeste in Berlin feiern.

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