Berlin : Henry Klausner (Geb. 1918)

Wir bauen eine neue Stadt, wir bauen ein neues Land.

Tatjana Wulfert

Ein Tag im April 1933. Sofortige Versammlung in der Aula des Friedrichs-Realgymnasiums, Befehl von oben. „Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen“. 442 nichtjüdische und acht jüdische Schüler im Auditorium. Ein Nazi-Offizier auf der Bühne. Hetzreden gegen die Juden. Aufruf zum aktiven Boykott. Die Bereitschaft vieler nichtjüdischer Schüler zum Zuschlagen. Angst. Und die Entscheidung des Direktors, der Lehrer, sowie eines Teils der nichtjüdischen Schüler, die acht Juden in ihre Mitte zu nehmen, nach Hause zu begleiten. Die Rettung.

73 Jahre später erzählt Henry Klausner Schülern des Leibniz-Gymnasiums, ehemals Friedrichs-Realgymnasium, von diesem Vormittag im April. Ausführlich, eindrücklich. Die Schüler atmen am Ende der Schilderung auf, es geht nicht nur um stumpfe Brutalität. Henry Klausner erzählt weiter. „Als ich nach Hause kam, sah ich den Laden meiner Eltern geschlossen und auf einem großen Schild geschrieben: „Juden raus!“ Meine Eltern, mein Bruder und meine Schwester saßen ängstlich in der Wohnung. Plötzlich kam ein großes Auto mit vielen SA-Nazis, die umstellten das Haus. Wir dachten, das ist unser Ende. Dann kam ein Nazi-Offizier in die Wohnung und es stellte sich heraus, dass es ein Freund von meinem Vater war aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, in dem er diesen Freund beschützt hat. Er sagte uns, wir sollten uns beruhigen, er bleibe mit uns den ganzen Tag im Haus. So wurde ich das zweite Mal an diesem Tag gerettet, und auch meine Familie.“

Wieder Aufatmen.

Darauf das Wort Auschwitz. Die Eltern, der Bruder, die Tante, ihre Zwillinge – vergast.

Stille.

Aber Henry Klausner möchte die Schüler nicht verschrecken, lähmen. Deshalb ist er nicht nach Berlin zurückgekommen. Stumm waren alle lang genug. Sprechen soll man. Und singen. Für Henry eine Art des Sprechens. Henry? Ihn beim Vornamen nennen? Du sagen? Zu einem Herrn von 88 Jahren, mit diesem Leben? „Ja“, sagt er, „sagt Henry zu mir.“ Und dann steht er auf, hebt die Arme empor, beginnt zu singen, Shalom, die Schüler schauen wieder fragend zur Lehrerin, Henry bewegt die Arme und Hände, den Takt vorgebend, ein erster Schüler erhebt sich, und bald stehen sie alle und singen. Henry macht es ihnen leicht. Es ist eine offizielle Gedenkveranstaltung, und selbst die gediegenen, distinguierten Stadträte und Bürgermeister halten einander an den Händen und singen.

Henry sang schon immer. Anfangs christliche Lieder, begeistert aber heimlich, die Eltern sind streng gläubig, im Chor des Grauen Klosters, einer evangelischen Schule. Im Gymnasium dann die Begegnung mit Paul Hindemith, während der Proben zu seiner Kinderoper „Wir bauen eine neue Stadt“. Mit 15 ist Henry Dirigent des zionistischen Jugendchors.

Wir bauen eine neue Stadt, wir bauen ein neues Land. 1933 die Warnung: Verlasst Deutschland, es wird hier nicht besser. Fensterscheiben jüdischer Geschäfte werden zerschlagen. Der Traum: Palästina, ein neuer gerechter Staat, Israel. Dort gibt es fast nichts, keine Häuser, keine Äcker, dafür jede Menge Idealismus, Mut, Entschlossenheit. Die sozialistisch-zionistische Jugendbewegung unterstützt den gewaltigen Plan. Henry, noch in Berlin, arbeitet in einer Gärtnerei in Marienfelde, landwirtschaftliche und handwerkliche Fähigkeiten werden gebraucht. Ich fahre bald, ihr kommt hinterher, sagt er zu Eltern und Geschwistern. Immer näher rückt das Ziel. Vorfreude, ungeduldige Erwartung, bald ist es soweit.

Es ist nicht soweit. Henry wird krank, Lungenentzündung. Angst: Komme ich noch raus? Nichts ist besser geworden, nur schlimmer. Scherben auf den Straßen. 1935 gelingt ihm die Flucht.

Ankunft in Palästina. Zelte werden aufgeschlagen auf dem Wüstenboden. Dann eine Hütte gezimmert für die gemeinsamen Mahlzeiten. In Kibbuzim soll von jetzt an alles gemeinschaftlich erarbeitet und geteilt werden. Der ersehnte gerechte Staat. Henry, 17 Jahre, darf dabei sein.

Henry, 88 Jahre, setzt sich nach dem Lied wieder auf seinen Stuhl auf dem Podium. Die Schüler trauen sich jetzt, stellen Fragen. Wie sieht das Leben in einem Kibbuz aus? Stimmt es, dass euch eure Anziehsachen nicht persönlich gehörten? Alle gaben ihre Kleider in eine große Waschküche? Welche Hose, welches Hemd man dann wieder bekam, war nicht wichtig? Du hattest bis vor kurzem tatsächlich kein eigenes Telefon? Wir haben gelesen, du hast die israelische Chorbewegung aufgebaut? Und: Ruth, deine Frau, wie gelang ihr die Flucht? Wann hast du von der Auslöschung deiner Familie erfahren? Was denkst du über den Nahostkonflikt?

Henry spricht zu den Schülern, die in vergessenen Akten auf dem Schuldachboden 229 Namen jüdischer Schüler gefunden hatten. Was ist geschehen mit ihnen? Henry ist einer, der überlebte. Er ist zurückgekommen und spricht. Hat Jahrzehnte nicht gesprochen, hat bis 1969 kein deutsches Lied gesungen.

„Dieser Abend und diese Feier waren für mich das Schließen eines Kreises“, sagt er nach seiner Rückkehr israelischen Zeitungen.

Von 70 der 229 Schüler fehlt jede Spur. Tatjana Wulfert

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