Berlin : Herbert Meinke (Geb. 1951)

Und die Bücher machte er zu seinem Beruf

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Herbert Meinke wuchs in einer Großfamilie in Berlin-Moabit auf. Da waren die Eltern, beide Ärzte, die vier Geschwister und der Großvater. Der hatte zum Kreis um den Dichter Stefan George gehört, schrieb selbst Gedichte und übersetzte die Texte des persischen Dichters Dschalal ad-Din Muhammad Rumi aus dem 13. Jahrhundert. Herbert besuchte ihn oft in seinem Zimmer und ließ sich von seiner Literaturbegeisterung anstecken. Der Vater machte sich die rebellische Seite des Sohnes zunutze: Ein Buch, von dem er glaubte, dass Herbert es lesen sollte, stellte er ganz oben ins Regal seiner großen Bibliothek und bot dem Jungen an, zu lesen, was immer er wolle, dieses Buch aber bitte nicht. Es war Verlass darauf, dass Herbert am nächsten Tag übernächtigt am Frühstückstisch erscheinen würde, weil er nachts eben dieses Buch gelesen hatte.

Das Abitur schaffte Herbert, weil er so belesen war, nicht weil die Schule ihn inspirierte. Auf die Anerkennung anderer gab er wenig, mit seinen Streichen und ironischen Bemerkungen schoss er oft übers Ziel hinaus. Also flog er vom katholischen Canisius-Kolleg und machte seinen Abschluss an einem weltlichen Gymnasium. Nun konnte er endlich Germanistik studieren.

Und die Bücher machte er danach zu seinem Beruf: mit einem Partner eröffnete er ein Antiquariat, später arbeitete er in einem Auktionshaus für Kunst und Bücher. Um Erstdrucke, Widmungsexemplare oder besonders schön gestaltete Ausgaben deutschsprachiger Literatur zu erstehen, reiste er dorthin, wohin von den Nazis Verfolgte mitsamt ihren Bibliotheken geflohen waren. Wenn er die neuen Titel in seinen Katalog aufnahm, legte er großen Wert darauf, sauber zu recherchieren und festzuhalten, wann und unter welchen Bedingungen sie entstanden waren. So wurde er selbst zu einer wandelnden Enzyklopädie.

Freunde hatte er viele. Er bewirtete sie oft, auf zwei Herden bereitete er das Essen. Eines seiner Zimmer hatte er meist vermietet, an Familie, Freunde oder Sprachschüler des Goethe-Instituts. Regelmäßig organisierte er Besuche im Theater des Tegeler Gefängnisses und der Jugendtheaterwerkstatt Spandau.

So gesellig er war, so schwer fiel es ihm, sich auf Liebesbeziehungen einzulassen. Lieber arbeitete er viel und pflegte Freundschaften, etwa an der Bar des „Casablanca“ oder in den Antiquariaten der Kollegen. Dort nahm man es ihm nicht übel, wenn er seinen Standpunkt als den einzig möglichen präsentierte. Zweimal war er verheiratet, zuerst mit der Perserin Bahar, die anders als er Kinder wollte. Und dann mit Susanne. Die Trennung machte ihm zu schaffen, bis zuletzt. Immerhin, mit ihrem Sohn Tilmann verband ihn eine besondere Freundschaft: „Herbert war für mich Vater, Buddha und mein längster Freund.“

Im Jahr 2006, als mit dem „alten Papier“, wie er die antiquarischen Bücher schließlich nannte, kein Geld mehr zu verdienen war, übernahm er die „Pension München“ im Bayerischen Viertel. Seinen Gästen erzählte er zum Frühstück Anekdoten aus dem Leben berühmter Menschen, die an dem jeweiligen Tag geboren worden oder gestorben waren. Auch über die Kunst- und Kulturgeschichte Berlins lernten sie einiges von ihm. Obwohl die Konkurrenz billiger Hotels immer bedrohlicher wurde, hielt Herbert an der Pension fest. Ihm fehlte ein Plan B. Umso bitterer war es, als er Anfang des vergangenen Jahres aufgeben musste.

Nun wollte er sich Zeit für seine Gesundheit nehmen, um die es noch nie sehr gut gestanden hatte. Trotz Lungenkrankheit hatte er immer viel geraucht. Wenige Wochen vor seinem Tod ging er endlich zum Arzt.

Seine Schwester staunte, als sie in der kleinen Wohnung, die er in den letzten Monaten bewohnt hatte, kaum Bücher fand. Da war nur noch die wertvolle Sammlung persischer Literatur. Candida Splett

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