Berlin : Herbert Riebrunn (Geb. 1925)

Nach dem 17. Juni 1953 arbeitete er weiter wie zuvor, diszipliniert

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Nimm die Brille ab!“ Eine tiefe Falte steht senkrecht zwischen seinen Brauen. Er meint es ernst, versteht seine zwölfjährige Tochter, die zurückweicht, die bebende rechte Hand sieht. Dieses Mal meint ihr Vater es ernst. „Du bist doof“, hat sie ihm ins Gesicht gesagt, weil er die Schrammen am neuen Fahrrad entdeckte, sie nur mit den Schultern zuckte und er zornig wurde. Noch nie hat sie eine Backpfeife von ihm bekommen, jetzt könnte es geschehen. Doch da ist die Brille. Bevor er ausholt, soll sie sie abnehmen. Sie muss grinsen. Und Herbert Riebrunns Hand wird ruhig, die Falte zwischen seinen Brauen glättet sich, er fängt an zu lachen.

„Achtung und Anständigkeit, das waren die entscheidenden Grundsätze im Leben meines Vaters“, sagt die Tochter, „so hat er es von seinen Eltern gelernt. Selbst für diese eine nur in Betracht gezogene Ohrfeige hat er sich später geschämt.“

Herbert Riebrunns Vater war Bergarbeiter in einem Dorf im Erzgebirge, seine Mutter versorgte Haus und Kinder. Im Sommer lief Herbert mit seinen Geschwistern am schmalen Bach entlang, auf dem ein selbst gebasteltes Boot schwankte und zu kentern drohte. Fuhr in Holzkisten mit Rädern die Hügel hinab. Sammelte Pilze, die auf Schnüre gefädelt zum Trocknen aufgehängt wurden. Im Winter saß er mit seinem Vater in der engen, warmen Küche und schnitzte die Engel und Tannenbäumchen, die sich zur Weihnachtszeit auf den Pyramiden drehten, sah seiner Mutter dabei zu, wie sie Christstollen buk und aus den getrockneten Pilzen eine dunkle Suppe kochte. „Noch heute“, sagt seine Tochter, „stellen wir an jedem ersten Advent die Pyramide auf, die mein Vater gebaut hat und essen das erste Stück Stollen.“

Wenn nach dem Winter der Frühling kam, liefen die jungen Männer und Frauen samstags die Kopfsteinpflasterstraße hinab zum Gemeindesaal, setzten sich auf die Stühle an den Wänden und warteten, dass die Kapelle zum Tanz aufspielte.

Herbert Riebrunn war kein besonderer Tänzer, er kam, um Hanna zu sehen, wie sich ihr Rock drehte und ihre Locken, wie sie sich erhitzt dann auf einen Stuhl fallen ließ und im Saal umherschaute und vielleicht auch ihn anblickte. Eines Samstags erhob sie sich tatsächlich und sprach ihn an. Sie tanzten nicht ein einziges Mal, sie redeten. Ja, schön sei es hier zwischen den Wiesen und Wäldern und Bergen, beteuerten sie einander, aber wie schön wäre es, die breiten Straßen Berlins entlangzulaufen, einmal in ein richtiges Theater zu gehen. Herbert Riebrunn hatte gerade seine Ausbildung zum Industriekaufmann abgeschlossen, in Berlin würde sich bestimmt eine Stelle finden. Der Plan stand fest. Sie heirateten. Doch dann erhielt er den Einberufungsbefehl. „Wir gehen nach Berlin. Ich warte auf dich“, sagte Hanna. Herbert zog in den Krieg und kehrte 1946 aus der Gefangenschaft zurück.

Sie zogen in den Ostteil von Berlin, wollten mithelfen beim Aufbau eines menschenfreundlicheren Landes. Herbert arbeitete beim Rat der Stadt, oft auch an den Wochenenden, Hanna blieb beim Kind. Am 17. Juni 1953 lief er in die Stalinallee, rief den Polizisten zu: „Nicht schießen!“, appellierte an die Arbeiter, Ruhe zu bewahren. „Mein Vater erzählte sonst nichts über diese Tage“, sagt seine Tochter, „er arbeitete danach weiter wie zuvor, diszipliniert.“

Im Frühling 1990 bekam Herbert Riebrunn zwei Herzinfarkte, erholte sich langsam, sprach noch weniger. Und die Jahre vergingen.

Einmal, in der Vorweihnachtszeit, ließ er sich von Hanna und seiner Tochter zu einem Spaziergang über den Kurfürstendamm und den Tauentzien überreden. Sie betraten das KaDeWe. Im Foyer, umgeben von Japanern und Amerikanern und Damen in Pelzen saßen auf Holzschemeln ein Mann und eine Frau in erzgebirgischer Tracht und schnitzten Engel und Tannenbäumchen. Herbert Riebrunn näherte sich einer kleinen Pyramide, die dort stand, las den Preis auf dem Schild und erschrak. Tatjana Wulfert

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