Berlin : Herbert Weinmann (Geb. 1948)

Es könnte immer zu spät sein. Er weiß das ganz genau

von

Ich war krank und ihr habt mich besucht“, sagt Jesus zu seinen Jüngern. „Wenn ihr krank seid, besuche ich euch, egal ob früh am Morgen oder spät am Abend“, sagte Herbert Weinmann.

„Herr Pfarrer, ich weiß, es ist Samstag, aber hätten Sie trotzdem fünf Minuten für mich?“ – Herbert Weinmann käme nicht im Traum darauf, erst mal in Ruhe den Kaffee, den Slawka ihm gerade gebrüht hat, auszutrinken. Er kennt den Anrufer, die verzagte Stimme, die Not ist groß. Obdachlose, Alkoholiker, Psychiatriepatienten können schlecht auf Termine warten. Es könnte immer zu spät sein. Er weiß das ganz genau, und die, die mit ihm sprechen wollen, wissen, dass er es weiß. Seit 40 Jahren hat Herbert Weinmann keinen Tropfen mehr angerührt, aber einmal Trinker, immer Trinker, auch im trockenen Zustand. Ein Hehl hat er nie aus seiner Sucht gemacht, schrieb über seine Krankheit sogar in der Kirchenzeitung.

Angefangen hatte die Trinkerei irgendwann in der Pubertät, in der Gruppe. Sie tranken eben, noch ’ne Flasche Bier und noch eine, Fantasien von Männlichkeit, die Dosen erhöhten sich, die Getränke wurden härter.

Als er Pfarrer wurde, bekam er die Dinge noch auf die Reihe, aber irgendwann begann das Konstrukt zu wanken, er ließ sich öfter entschuldigen, nahm sich jeden Morgen vor, am Abend nichts zu trinken, umsonst, bis er begriff: „Ich geh’ kaputt.“

Eine Therapie im herkömmlichen Sinn hat Herbert Weinmann nicht gemacht. Die Befreiung kam in einer Gebetssituation, die ihn, wie er sagte, „von Grund auf erschütterte.“ Er hörte auf, von einem Tag auf den anderen.

Seinen Glauben an eine höhere, tröstliche Instanz besaß er schon lange, mit sieben war er einfach losgelaufen, allein in die Kirche. Seine methodistische Großmutter und seine adventistische Tante erzählten ihm biblische Geschichten, sein Religionslehrer festigte das Bibelwissen, ein Baptistenpastor vermittelte ihm die Gewissheit, „in den geistlichen Dienst gerufen zu sein.“ Katholische Ordenspriester gaben ihm Kraft, „besondere Befreiung“ erfuhr er in einer englischen Pfingstgemeinde. Gemeinsam mit dem Metropoliten von Wolgograd unterstützte er den Aufbau von russischen Krankenhäusern und Kinderheimen.

Die Ökumene: kaum ein anderer nahm das Wort so ernst. In seinem Arbeitszimmer gab es Ikonen, ein Porträt von Johannes Paul II., Christusstatuen, eine Lutherbibel, eine Menora. Auf seiner Traueranzeige ist neben dem Kreuz der siebenarmige Leuchter abgebildet. Das war ihm wichtig: die Genese des Christentums aus dem Judentum, zur Erinnerung für die Vergesslichen.

Man hörte ihm zu. An den Schulen, wo er Religion unterrichtete, in den Gemeinden, im Humboldt-Krankenhaus, in der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik, als Seelsorger, in der Suchthilfe „Blaues Kreuz“. Und er hörte zu. Vielleicht zu häufig, vielleicht zu aufmerksam, das war seine schwache Stelle, nicht „Nein“ sagen zu können. Nach einer Bestattung, er wollte gerade gehen, entdeckte ihn eine andere Trauergruppe: „Unser Pfarrer ist nicht gekommen.“ – „Dann mach’ ich eben auch noch ihre Beerdigung“, sagte Robert Weinmann.

Gottlob gab es Slawka, die sah, wann er neue Energie brauchte, die mit ihm ins Brandenburgische fuhr, das sie an die Masuren erinnerte, die kochte und Gäste einlud, die ihm eine polnische Familie schenkte, die ihn pflegte, bis zum Schluss.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben