Berlin : Herby und Harry

Unterwegs mit einem „motz“-Verkäufer und dem neuen Potter

Merlind Theile

Montagmittag, U-Bahnhof Nollendorfplatz. Ein graubärtiger Mann mit Baseballmütze betritt die U2 Richtung Pankow. „Juten Tach, die Herrschaften“, schmettert er in den voll besetzten Waggon. Einige Fahrgäste gucken erschreckt. „Keine Angst, die Fahrausweise kontrollier’ ick nich“, beruhigt Herby sein Publikum. In seinem Job hat der 51-Jährige Routine, und Sprüche gehören dazu. Die bringen die nötigte Aufmerksamkeit. Seit acht Jahren ist Herby in Berliner U- und S-Bahnen unterwegs, um die „motz“ zu verkaufen, eine der drei Obdachlosenzeitungen der Stadt. Zauberlehrling Harry Potter heizt seit dem Wochenende den Verkauf an: Von „Straßenfeger“ und „Stütze“ wurden jeweils schon knapp 8000 Hefte verkauft, „motz“ setzte bereits 11 000 ab. Auch für Herby ist der Vorabdruck aus dem fünften Roman das stärkste Argument: „Det Buch kostet 30 Euro – die ,motz‘ mit dem ersten Kapitel nur ein Euro 20!“ Ein paar Leute lächeln, Herbys Auftritt kommt an, aber nur ein Fahrgast kauft ihm tatsächlich eine Zeitung ab. Wegen Harry Potter? „Nee“, sagt der junge Mann, „ich kauf’ die Zeitung eben ab und zu.“ Im zweiten Waggon will die „motz“ gar niemand haben, erst im dritten hat Herby wieder Erfolg. Eine Mittdreißigerin aus Stuttgart fummelt einige Münzen aus dem Portemonnaie. „Harry Potter ist ein guter Aufhänger“, sagt sie. Das Verkaufsargument wirkt. Ein paar Waggons klappert Herby noch ab, den Gag mit der Fahrscheinkontrolle bringt er fast immer. Herby legt sich ins Zeug, er wirbt und lacht, doch die meisten Fahrgäste gucken gelangweilt, manche sogar genervt. „Sie sind heute schon der Fünfte“, beschwert sich eine Frau. Mit dem prominenten Zugpferd kommen noch mehr Zeitungsverkäufer als sonst in die U-Bahn. Herby wird trotzdem ein paar Exemplare los, die meisten aber nicht an Potter-Fans, sondern regelmäßige „motz“-Käufer. Die Frau, die das Heft für ihre Potter-vernarrte Tochter kauft, bleibt die Ausnahme. Zurück am Nollendorfplatz, Herby zieht Bilanz: Neun verkaufte Hefte in 30 Minuten. „Das ist irre“, sagt er, „so viel schaff’ ich sonst nicht mal am Tag!“ Herby ist sicher, dass er den Erfolg Harry verdankt. „Ick hoffe nur, dass das größere Interesse der Leute an ,motz‘ nach Harry Potter bleibt.“

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