Berlin : Herdkunde-Unterricht

Starkoch Jamie Oliver stellte sein neues Buch vor – und Ministerin Renate Künast assistierte

Bernd Matthies

Da sitzt er, wie man sich das vorstellt. Das blond gesträhnte Haar nach oben gestrubbelt, einen Bartschatten im Gesicht, glücklich übernächtigt. Aber dann das: „I’ve never done a press conference before.“ Kann das wahr sein, dass Jamie Oliver, die Verkörperung des modernen, coolen Fernsehkochs, ein Kochbuchautor mit Übersetzungen in 43 Ländern, noch nie eine Pressekonferenz gegeben hat? Eine Weltpremiere offenbar, was da am Freitagvormittag bei Dussmann läuft – dabei geht es eigentlich nur um die Vorstellung von Olivers neuem Buch „Kochen für Freunde“.

Renate Künast, die deutsche Verbraucherministerin, hat mehr Erfahrung mit der Presse. Sie schwärmt einleitend von den Büchern des weltberühmten Engländers, kocht selbst danach und teilt dann kurz und bündig mit: „Ich glaube, dass das Thema Essen unterschätzt wird.“ Nicht von Jamie Oliver, das steht fest, und obwohl immer wieder böswillig behauptet wird, der 29-Jährige habe einen furchtbaren Akzent, einen Sprachfehler und allerhand andere Gebrechen, legt er sofort in aufgeräumtem, klarem Englisch los und überschüttet jeden Fragesteller mit fünfminütigen, enthusiastischen Stellungnahmen. Der Kern seiner Botschaft ist in aller Welt verständlich: Kochen ist ein Riesenspaß, und gesunde Ernährung hat nichts mit Geld zu tun. Da trifft er sich mit der Ministerin, die ja seit geraumer Zeit gegen die Fehlernährung besonders unter Kindern und Jugendlichen angeht und sich keinen besseren Kronzeugen wünschen kann.

Der geht dann auch frontal gegen die beiden häufigsten Argumente an, nach denen Fehlernährung in einer modernen Gesellschaft unausweichlich sei. Keine Zeit? „Time is a poor excuse“, sagt er, Zeitmangel ist eine schlechte Entschuldigung, denn jeder, der ein bisschen geübt sei, könne in fünf Minuten ein wunderbares Essen aus frischen Zutaten herstellen. Und kein Geld? Das ärgert ihn noch mehr. Einige der besten Gerichte der Welt seien Arme-Leute-Essen, sagt er, und in Wahrheit sei das teuerste Essen das verpackte, industriell aufbereitete: Statt fünf Zutaten vierzig, „Essen wie eine Chemiestunde“. Nein, verkündet er, es fehle den meisten Leuten einfach am Wissen und Können. Und erst der soziale Aspekt! „So viele wunderbare Dinge passieren rund um den Esstisch.“

Das gefällt auch der Ministerin, die sich aus einem Buch Olivers das Rezept für Fisch in Salzkruste abgeguckt hat, „das fand ich mal schwer, jetzt mache ich es Pi mal Daumen.“ Und sie schätzt, dass der Starkoch seine Fähigkeiten in den Dienst der Schulernährung stellte und eine Reihe von Londoner Schulen bei der Zubereitung des Kantinenessens beriet. Sie hofft darauf, dass die Ausstattung künftiger deutscher Ganztagsschulen auch eine eigene Küche umfasse – mehr als ein Appell an die autonomen Bundesländer ist aber nicht drin. Und als Jamie Oliver gefragt wird, für wen er denn gern mal kochen würde, da trommelt sie drängend mit den Fingern auf die Tischplatte. „Ähm“, sagt er unschuldig, „ich stehe jetzt ein wenig unter Druck...“ Eine Einladung kommt dennoch nicht zustande - der Weltstar hat einfach zu wenig Zeit für sowas. Und wen er wirklich gern bekochen würde, das verrät er nicht.

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