Berlin : Hereinspaziert und losparliert

Lesen, reden, debattieren bei der „Zeitung im Salon“: In der neuen Veranstaltungsreihe stellen Tagesspiegel-Autoren ihre Bücher vor

Dorothee Nolte

Wer sich in Gesellschaft begibt, der kann was erleben. Das fängt schon beim Kleiderkauf an: In den Boutiquen stehen Verkäuferinnen, die sich gerieren, „als hätten sie gerade drei Goldmedaillen im Fach Schnöseligkeit mit Triumph davongetragen“. Es wird noch schlimmer: Fein eingekleidet, beginnt der Nahkampf: mit arroganten Kellnern, dröhnenden Gastgeberinnen und notorischen Spucksprechern. Gesellschaft, davon ist Elisabeth Binder überzeugt, „ist heute mehr denn je harte Arbeit“. Galas, Partys, Vernissagen, Bankette seien für Individualisten eigentlich unerträglich, schreibt die langjährige Tagesspiegel-Gesellschaftsreporterin und Restaurant-Kritikerin in ihrem Buch „Wer sich in Gesellschaft begibt – ein kleines Regelwerk für Individualisten“ (Argon 2003). Aber, so verspricht sie, es kann auch Spaß machen – wenn man ein paar Tipps aus dem Benimm-Buch für Fortgeschrittene beherzigt.

Einige davon wird Elisabeth Binder am 2. September verraten, zum Auftakt der neuen Reihe „Zeitung im Salon“, die der Tagesspiegel in Kooperation mit der Firma eßkultur und dem Künstlerklub Die Möwe veranstaltet. Alle vier bis sechs Wochen werden Tagesspiegel-Autoren ihre Bücher vorstellen oder über ihr Leib-und-Magen-Thema reden und mit Lesern ins Gespräch zu kommen. Denn um das Gespräch geht es ja letztlich – bei einem Salon wie bei einer Zeitung. Beide haben historisch einiges gemeinsam:

In der großen Zeit der Berliner Salons, die um 1790 begann, wurden in der Dachstube der Rahel Lewin (Varnhagen) oder im Gesellschaftsraum der Henriette Herz Nachrichten ausgetauscht, Debatten geführt, neue Bücher und Theateraufführungen besprochen, Manuskripte und Briefe ferner Korrespondenten vorgelesen. Ein Salon war, wenn man so will, eine mündliche Zeitung, bei der jeder mitreden konnte, eine Institution der sich entwickelnden bürgerlichen Öffentlichkeit, im besten Falle zwanglos, frei, geistreich und ein bisschen improvisiert.

Anders als Zeitungsredaktionen, Kaffeehäuser, Clubs und Lesegesellschaften, die meist Männern vorbehalten blieben, waren die Salons weiblich geprägt: Einen Salon zu gründen, war für gebildete, oft jüdische Frauen eine der wenigen Möglichkeiten, an der Öffentlichkeit teilzuhaben und Einfluss zu nehmen. Für die Zeit zwischen 1870 und 1914 zählt die Historikerin Petra Wilhelmy-Dollinger allein 90 literarisch oder politisch bedeutsame Salons in Berlin, neben zahlreichen „Trivialsalons“. Als die Salons ab 1900 ausstarben, hatten sie ihre historisch wichtigen Funktionen wie die Entwicklung von Öffentlichkeit und die – begrenzte – Emanzipation von Frauen und Juden verloren. Und heute? Suggeriert das wieder modern gewordene Wort Salon immerhin: eine Atmosphäre, die zum Gespräch einlädt. Ist ja auch schon was.

Gegessen wurden in den klassischen Salons oft nur Butterbrote zum Tee. Damit ersparten sich die Besucher all die Peinlichkeiten, die, wie Elisabeth Binder zu schildern weiß, mit Essen in Gesellschaft verbunden sein können. Beim Tagesspiegel-Salon sind solche Momente nicht zu befürchten. Die literarischen Köche unseres Kooperationspartners eßkultur servieren, passend zur Lektüre, ausschließlich gesellschaftsfähige Häppchen. Vielleicht ein Anreiz auch für eingefleischte Individualisten, sich an diesem Abend in Gesellschaft zu begeben.

„Zeitung im Salon“, im ehemaligen Restaurant Die Möwe, Palais am Festungsgraben, Am Festungsgraben 1, Mitte. Einlass 19 Uhr, Beginn 19.30 Uhr. Anmeldung ist erforderlich unter 26009-609. Eintritt 8 Euro, inklusive Essen.

Am 2. September liest Elisabeth Binder , es moderiert der Chefredakteur des Tagesspiegels, Lorenz Maroldt. Am 28. Oktober liest dann Robert von Rimscha, langjähriger Tagesspiegel-Redakteur und nun FDP-Sprecher über „Die Bushs“. Am 2. Dezember liest Wissenschaftsredakteur Bas Kast über „Die Liebe und wie sich Leidenschaft erklärt“. Am 20. Januar trägt Harald Martenstein Geschichten vor unter dem Titel „Vom Leben gezeichnet. Tagebuch eines Endverbrauchers“.

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