Berlin : Herlitz-Mitarbeiter atmen auf – und wollen neue Chefs

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Tegel. Auf dem Gelände der Herlitz AG zeugt nichts von überschwenglicher Freude oder großer Erleichterung über die Rettung des Unternehmens. Der erste Arbeitstag nach der Entscheidung der Gläubiger, auf Forderungen in Millionenhöhe zu verzichten, scheint fast wie jeder andere in den letzten Monaten. „Wir befinden uns immer noch in abwartender Haltung“, sagt ein Maschinenbauingenieur, der gestern zum Schichtwechsel kam. „Natürlich gab es ein kurzes Aufatmen, aber das hält nicht lange an.“ Es gäbe Gerüchte, ergänzt sein Arbeitskollege. Was mit den 2700 Arbeitnehmern der Herlitz AG passiere und vor allem „unter welchen Bedingungen wir weiterarbeiten müssen“, das sei vielen noch nicht klar genug.

„Die Entscheidung vom Montag war doch vorauszusehen“, finden die Mitarbeiter der Schreibblockfertigung, „unsere Lager sind voll und die Auftragsbücher auch.“ Das Vertrauen in die Führung habe die Belegschaft aber restlos verloren, berichtet ein weiterer Arbeitskollege. „Dort gibt es viel Gerede, aber zu wenig Taten“. Sehr undurchsichtig sei die Arbeitsweise der Chefs gewesen. Und Sparmaßnahmen in der Führungsriege, die habe es nie gegeben.

„Der Herr Leonhardt hat uns gerettet“, da sind sich alle einig. Der Insolvenzverwalter hätte sich mit dem nötigen Nachdruck für die Firma eingesetzt und so die Gläubiger von seinem Sanierungsplan überzeugen können. Zwar habe man ihm nun den Arbeitsplatz zu verdanken, „aber so rosig ist unsere Zukunft nicht“. Schon jetzt müssen die Arbeitnehmer der Herlitz AG pro Woche zwei Stunden mehr investieren – und auf das Weihnachtsgeld verzichten. Letzteres sei jedoch das geringere Übel. Die Befürchtung, dass sich die Arbeitsbedingungen und Gehälter verschlechtern, hält die Beschäftigten in Atem. Aber es gibt auch positive Stimmen: „Es war schon ein bisschen wie Geburtstag und Weihnachten zusammen, als gestern das Bangen ein Ende hatte“, freut sich eine Mitarbeiterin der Tiefdruckabteilung. „Jetzt kann man nur hoffen, dass es so weitergeht“, muss jedoch auch sie kritisch anmerken.

Gleich gegenüber von Herlitz steht das Gebäude der Borsig-Werke. „Die haben ja jetzt auch den Leonhardt“, so der Herlitz-Maschinenbauingenieur mit einer Kopfbewegung in Richtung Borsig. „Hier hat er schon gute Arbeit geleistet, vielleicht schafft er das dort auch“. Der Insolvenzverwalter hatte die Gläubiger der Herlitz AG am Montag von seinem Insolvenzplan überzeugen können. Durch Forderungsverzicht in Millionenhöhe ermöglichen sie es dem Unternehmen, die Produktion weiterzuführen. Vivien Leue

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