Berlin : Herr der roten Zahlen

Markus Schulz ist dabei, den FC St. Pauli zu sanieren

Oke Göttlich

Ein Büro hat Markus Schulz noch nicht. Die Akten des neuen Vizepräsidenten vom FC St. Pauli liegen hochgestapelt auf einem Tisch, der dem Regionalligisten in der Regel als Konferenztisch dient. Der 37-Jährige besetzt – seiner Aufgabe als Controller des maladen Traditionsvereins entsprechend – immerhin schon einmal den größten Raum des Containerdorfes, in dem die Geschäftsstelle beheimatet ist. Doch damit ist es noch nicht getan.

Notwendigerweise ehrenamtlich kümmert sich Schulz seit einem Monat um die finanzielle Konsolidierung des Klubs, der im Sommer dank einer bundesweit angelegten Rettungskampagne nur knapp am Lizenzentzug vorbei geschlittert ist. „Vier Hände können mehr wegschaffen als zwei“, äußert sich Geschäftsführer Frank Fechner erleichtert über den neuen Herren der Zahlen am Millerntor.

Für eine Anstellung beim FC St. Pauli habe er sich aufgedrängt, sagt Schulz. Ehrenamtliche Arbeit, das ist aus seiner Sicht nicht unbedingt selbstverständlich. Und gerade angesichts der Lage am Millerntor, die sich mit der Beschreibung Chaos nur unzureichend zusammenfassen lässt, ist Kopfschütteln deshalb eine Reaktion, die Schulz häufiger widerfährt. Trotzdem: Ausgerechnet im größten Trubel empfahl sich Schulz per Post bei Präsident Conny Littmann, der sich nach vier Wochen dankbar zurückmeldete. Denn Schulz ist ein erfahrener Krisenmanager. Und diese Aufgabe ist ihm eine Herzensangelegenheit. Gegenüber der Verantwortung bei anderen Unternehmen, die der Mehrheitsaktionär und Vorstand des Personaldienstleisters Argo bisher saniert hat, sei die Aufgabe bei St. Pauli „mit sehr viel mehr Emotionen verbunden“. Das verwundert nicht: Bereits in der F-Jugend trat Schulz bei den Braun-Weißen gegen den Ball. Damals jedoch bescheinigte ihm sein Trainer fehlende Begabung.

Mehr Talent scheint Schulz für das Ordnen von roten Zahlen mitzubringen. Das hat er jetzt auch beim krisengeschüttelten Verein vom Hamburger Kiez bewiesen. Noch auf der Jahreshauptversammlung am Ende des vergangenen Jahres hatte Präsident Littmann ein Minus von einer Million Euro zum Ende des Geschäftsjahres am 30. Juni 2004 bilanziert. Für einen Regionalligisten ist das ein stattlicher Betrag.

„Eine Summe von Einzelmaßnahmen“ hat laut Schulz bisher dazu geführt, dass es nun nur noch etwa 500 000 Euro sind, die der FC St. Pauli Ende Juni zu wenig in der Kasse haben wird. Die Transfers der beiden bundesligaerfahrenen Spieler Cory Gibbs, der an Dallas Burn verkauft wurde, und den an Eintracht Frankfurt verliehenen Nascimento gehörten zu den ersten Sanierungsmaßnahmen des Krisenmanagers.

„Langsam scheinen alle Beteiligten verstanden zu haben, dass die fetten Jahre auch bei uns vorbei sind“, sagt er. Schulz setzt vor allem auf eine sportliche Perspektive mit Augenmaß. Denn natürlich sollen die wirtschaftlichen Renovierungsarbeiten nicht auf Kosten der Aufstiegspläne gehen. „Wie man mit unserem Etat allerdings umgehen muss, um aufzusteigen, wage ich nicht zu beurteilen. Dafür haben wir ja noch Franz Gerber.“ Der Etat jedenfalls ist mit 2,1 Millionen Euro äußerst knapp bemessen.

Schulz selbst hat den Eindruck gewonnen, in Hamburg überschätzt zu werden: Er handelt nach monatelangen Krisen bei St. Pauli eher im Sinne des polnischen Schriftstellers Stanislaw Lem. Der schrieb einst: Chaos sei jene Ordnung, die bei der Erschaffung der Welt zerstört wurde.

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