Berlin : „Herr P. wünschte, den Kopf zu kaufen“

Georg Forster segelte mit Captain Cook um die Welt. Auf Neuseeland begegnete er freundlichen Indianern – und Menschenfressern. Ein Ausschnitt aus seinem Reisebericht

Georg Forster

Wir waren nicht über zwei Tage in Dusky-Bai gewesen, so wurden wir bereits überzeugt, dass die Bai nicht unbewohnt sein könne. Wir kamen nämlich an einer Insel vorbei, die eine weit hervorragende Felsenspitze hatte, auf welcher wir einen Menschen sehr laut rufen hörten. Als wir weiter herankamen, entdeckte man, dass es ein Indianer war, der mit einer Keule oder Streitaxt bewaffnet auf der Felsenspitze stand, und hinter ihm erblickte man am Eingang des Waldes zwei Frauenspersonen, deren jede einen Spieß in der Hand hielt. Sobald wir mit dem Boot an den Fuß des Felsens gekommen waren, rief man ihm in der Sprache von Tahiti zu: „Tayo, Haare mai!" – Freund, komm her! Allein das tat er nicht, sondern blieb auf seine Keule gelehnt stehen und hielt in dieser Stellung eine lange Rede, die er bei verschiedenen Stellen mit großem Nachdruck und Heftigkeit aussprach, und alsdann zugleich die Keule um den Kopf schwenkte.

Da er nicht zu bewegen war, näher zu kommen, ging Kapitän Cook vorn ins Boot, rief ihm freundlich zu und warf ihm sein und anderer Schnupftücher hin, die der Eingeborene jedoch nicht auflangen wollte. Der Kapitän nahm also etliche Bogen weißes Papier in die Hand, stieg unbewaffnet auf den Felsen aus und reichte dem Wilden das Papier. Der gute Kerl zitterte nunmehr sichtbar über und über, nahm aber endlich, wiewohl noch immer mit vielen deutlichen Merkmalen von Furcht, das Papier hin. Da er dem Kapitän jetzt so nahe war, ergriff ihn dieser bei der Hand und umarmte ihn, indem er des Wilden Nase mit der seinigen berührte, welches ihre Art ist, sich untereinander zu begrüßen. Dieses Freundschaftszeichen benahm ihm mit einem Male alle Furcht.

Nunmehr erfolgte zwischen uns und den Indianern eine kleine Unterredung, wovon aber keiner etwas Rechtes verstand, weil keiner in des anderen Sprache hinreichend erfahren war. Der Mann hatte ein ehrliches, gefälliges Ansehen, und die eine der beiden Frauenpersonen, die wir für seine Tochter hielten, sah gar nicht so unangenehm aus, wie man in Neu-Seeland hätte vermuten sollen. Die andere hingegen war ausnehmend hässlich und hatte an der Oberlippe ein ungeheures, garstiges Gewächs. Sie waren alle dunkelbraun oder olivenfarbig, hatten schwarzes und lockiges Haar, das mit Öl und Rotstein eingeschmiert bei dem Mann oben auf dem Wirbel in einen Schöpf zusammengebunden, bei den Weibern aber kurz abgeschnitten war. Ihre Kleidung bestand aus Matten von neu-seeländischem Flachs und war mit Federn durchwebt. Die einbrechende Nacht nötigte uns, von unseren neuen Freunden Abschied zu nehmen; wir versprachen ihnen aber, sie morgen wieder zu besuchen.

(...) Bei unserem zweiten Aufenthalt in Neuseeland gingen verschiedene von unseren Leutnants nach Indian-Cove, um mit den dortigen Indianern Handel zu treiben. Das Erste, was ihnen daselbst in die Augen fiel, waren die Eingeweide eines Menschen, die nahe am Wasser auf einen Haufen geschüttet lagen. Kaum hatten sie sich von der ersten Bestürzung über diesen Anblick erholt, als ihnen die Indianer verschiedene Stücke vom Körper selbst vorzeigten und mit Worten und Gebärden zu verstehen gaben, dass sie das Übrige gefressen hätten. Unter den vorhandenen Gliedmaßen befand sich auch noch der Kopf, und nach diesem zu urteilen, musste der Erschlagene ein Jüngling von 15 bis 16 Jahren gewesen sein. Die untere Kinnlade fehlte und über dem einen Auge war der Hirnschädel eingeschlagen.

Unsere Leuten fragten die Neu-Seeländer, wo sie diesen Körper herbekommen hätten, worauf jene antworteten, dass sie ihren Feinden ein Treffen geliefert und verschiedene derselben getötet, von den Erschlagenen aber allein den Leichnam dieses Jünglings mit sich hätten fortbringen können. Sie setzten hinzu, dass auch von ihrer Partei verschiedene umgekommen wären und zeigten zu gleicher Zeit auf einige abseits sitzende Weiber, die laut wehklagten und sich die Stirn mit scharfen Steinen verwundeten. Was wir also von den Zwistigkeiten der Indianer bisher nur vermutet hatten, das fanden wir jetzt durch den Augenschein bestätigt. Hierauf blieb uns nun auch kein Zweifel mehr, dass wir die Neu-Seeländer für wirkliche Menschenfresser zu halten hätten.

Herr Pickersgill wünschte, den Kopf zu kaufen und zum Andenken dieser Reise mit nach England zu nehmen. Er bot einen Nagel dafür und erhielt ihn um diesen Preis ohne das mindeste Bedenken. Als er mit seiner Gesellschaft an Bord zurückkam, stellte er ihn oben auf das Decksgeländer zur Schau hin.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Lamuv Verlags, Göttingen. Die (gekürzte) Passage stammt aus dem Buch „Reise um die Welt mit Kapitän Cook“ von Georg Forster, erschienen 2002 bei Lamuv.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben