Berlin : Herrlich umfriedet

Die Berliner Mauer, aus dem Westen betrachtet, hatte auch ihr Gutes. Nach ihrem Fall rauschte plötzlich der Verkehr durch die frühere Idylle

Thomas Loy

Weil sie schon so lange weg ist, die deutsche Schicksalsmauer, kann man ja mal offen darüber reden, dass sie auch ihre gute Seite hatte, die nach Westen nämlich. Dort endete die Stadt als umfriedeter Klostergarten. Der West-Berliner konnte sich behütet fühlen, zumindest wenn er den Kalten Krieg, dessen Frontlinie die Mauer war, beiseiteschob. Der Fachhistoriker spricht in diesem Zusammenhang vom Maueridyll.

Beispielsweise in Neukölln. An der Sonnenallee fliegt einer kleinen rundlichen Frau, mit Einkaufstüten behängt, ein Lächeln ins sorgengeplagte Gesicht, als sie an die Mauerzeit zurückdenkt. Ihren Hund konnte sie frei herumtollen lassen. Die Kinder gaben ihre Ranzen der Nachbarin im Parterre zur Aufsicht und gingen spielen. Niemand musste sich um den Nachwuchs sorgen, weil immer jemand aufpasste, und seien es die Grenzsoldaten drüben auf ihren Wachtürmen am Grenzü bergang. „Es war familiärer“, sagt die Nachbarin. Ruhiger sowieso. Jetzt rauscht der Verkehrslärm Tag und Nacht. Die Mauer empfand sie als „normal“, nicht als bedrohlich. An Schüsse kann sie sich nicht erinnern.

Wolfgang Kroll dagegen schon. Er sah sogar das Mündungsfeuer der Maschinenpistole, als mal wieder einer gen Westen türmen wollte, mitten durch die wilde Prärie am Engelbecken zwischen Kreuzberg und Mitte. Kroll lebte am Maueridyll Leuschnerdamm, wo der Eiserne Vorhang am Rinnstein verlief, wenige Meter hinter der eigentlichen Grenzlinie, so dass der Bürgersteig noch zugänglich war. Eines Tages, irgendwann zwischen 1961 und 1962, verließ Kroll mal wieder sein Haus, um einzukaufen und blickte in die stumpfen Augen einer Reihe Volkspolizisten. „Was macht ihr denn hier?“, entfuhr es ihm. Vielleicht sagte er auch: „Was wollen Sie denn?“ Sicher ist sich Kroll nur, was die Antwort betrifft. „ Hier ist die Staatsgrenze der DDR!“ Was auch stimmte, aber bisher niemanden kümmerte. Nun mussten die Anwohner durch die verwilderten Vorgärten stapfen, um ihrem Maueridyll zu entkommen, und der Bezirk ließ schnell einen „ Notweg“ pflastern. Der ist noch heute zu sehen, vor dem Haus Nummer 15, genau wie die eigenartigen Straßenlampen an hohen Holzmasten. Es hat sich seit Abriss der Mauer am Leuschnerdamm nicht viel verändert. Kroll hat dafür eine plausible Erklärung: „Die Häuser gehören zu Kreuzberg, da gehen auch die Steuern hin, die Straße ist aber schon Bezirk Mitte. Die machen nichts, weil sie kein Geld von uns kriegen.“

Eine Bürgerinitiative gegen „Kfz-Lärm“ und „Rollgeräusch“ auf dem Kopfsteinpflaster fordert ein härteres Durchgreifen der Polizei gegen Temposünder. Seit die Mauer weg ist, rauscht hier der Verkehr praktisch ungehindert von Westen nach Osten und zurück. So hatten sich die Kreuzberger die postmurale Zukunft nicht vorgestellt. Kroll, gelernter Maschinenbauer, ehrenamtlicher Hauswart und Bastler, hat sich eine dritte Scheibe in seine Kastenfenster geklebt, weil er die scheppernden Laster mit zunehmendem Alter schlechter verträgt. Früher war es still hier, „wie in einem Sanatorium“. Einmal die Woche fuhr die Müllabfuhr über Bürgersteig und Gärten rückwärts in die Straße. Sonst passierte nicht viel. Kroll wohnt seit 1945 in der Wohnung am Leuschnerdamm. Die 30 Jahre mit der Mauer waren da nur eine Episode.

Früher, im Maueridyll, haben sie fünf Mark für den Quadratmeter Gewerbefläche gezahlt. Warm! Heute sind es 10 Euro kalt, sagt Andreas Wefeld, Juniorchef in der Etikettenfabrikation „Oskar Wefeld GmbH“. Seit Kriegsende sitzt der Familienbetrieb am Leuschnerdamm. Als die Mauer kam, wurde die Wand zur Adalbertstraße durchbrochen, um eine Notzufahrt für die Lieferanten zu schaffen. Nebenan bauten Öko-Aktivisten einen Kinderbauernhof. „Fantastisch sah das hier aus“, sagt Senior Klaus Wefeld, und seine Augen leuchten kurz auf. „Es gab mehr Kontakt zueinander als heute.“ Und wirtschaftlich lief es natürlich besser, wegen der Berlin-Hilfe. „Wir lebten hier im Naturschutzpark.“

Dazu gehörte auch dieser Kater, der immer morgens vorm Büro wartete, um eingelassen zu werden. Abends schmissen sie ihn wieder raus. Als die Grenze aufging, kam er nicht mehr.

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zur Wende im Internet:

www.geteilte-traeume.de

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