Berlin : Herrn Walters alte Mutter

Christine-Felice Röhrs

Kleine Geschichten von oder über Menschen, die auf den Arzt warten, mal lustig, mal traurig – die erzählen wir jeden Montag. Heute: beim Dahlemer Hausarzt.

Walter heiße er. Er hat das gleich zugeraunt, als er reinkam. „Walter, guten Tag“, mit einem kleinen höflichen Nicken, und hat dann umständlich Platz genommen. Herr Walter wartet. Er wartet auf seine Mutter, die er nachher nach Hause begleiten wird. Sonst verliefe sich die Mutter bestimmt wieder.

Herrn Walters Mutter ist schon alt, 92 Jahre. Herr Walter ist 70. Die Mutter ist gerade beim Arzt drin, den sie jede Woche besuchen muss. Die Mutter bekommt dann eine Menge Spritzen, und der Arzt erzählt ihr Woche für Woche wieder, warum das nötig ist. Wenn es drinnen laut wird, hat sie sich wieder uneinsichtig gezeigt, Herr Walter eilt dann rein und tröstet. Das Wartezimmer, das ist für Herrn Walter immer eine große Nervenprobe.

Es ist so. Die Mutter, erzählt Herr Walter zögernd, kann sich schlecht damit abfinden, alt zu sein. Die Mutter hat früher eine große Klempnerei geführt, „Sanitäre Dienste Walter“, noch bis vor einigen Jahren, ganz allein. Die Mutter war immer die Königin ihres Kosmos. Doch jetzt… Die Hüfte spinnt, das Knie verspringt, der Rücken schmerzt, und seit kurzem kann sie den Kopf nur noch nach links drehen. In Mutters Kopf ist alles in Ordnung. In der Seele nicht. Manchmal werde sie jetzt sogar laut. „Nu biste mich bald los“, schreit sie. „Als ob ich…“, sagt Herr Walter hilflos und will grad fortfahren, als die Mutter ins Wartezimmer kommt, strahlend am Arm des Arztes. Heute ist es ruhig geblieben.

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