Berlin : "Herstory": "Man kann alles sehen. Das ist Kunst"

Deike Diening

Ihre Augen sucht man vergeblich hinter der riesigen Sonnenbrille, die im Laufe der Jahre immer weiter gewachsen zu sein scheint. Diese Brille ist jetzt nicht mehr klein und rund wie damals, sondern groß und oval und bedeckt ein Drittel des Gesichts von Yoko Ono.

"Herstory" hieß die Ausstellung, zu deren Beendigung sie nach Berlin gekommen war, und mit der sie einen Gegenpol setzen wolle zur "History", der hauptsächlich "von Männern geprägten Geschichte". Yoko Ono sinkt in den schwarzen Ledersessel im Büro der Galerie Fine Art Rafael Vostell und bekämpft einen leichten Hustenreiz mit einer Lutschpastille. Es sei gar nicht paradox, sagt sie, dass das Hauptwerk nur Männer zeigt: auf 21 gleichen Digitalprints ist eine Montage aus den drei wichtigsten Männern ihres Lebens zu sehen: ihrem Vater, ihrem Mann John Lennon und ihrem Sohn. Dies sei ihr "weiblicher Blick auf die andere Seite der Welt." Und da stehen für Frauen ja immer Männer, "nicht wahr"? Unter jedem der Prints steht eine kurzer, manchmal verstörender Text zu 21 Männern ihres Lebens: Ärzte zum Beispiel kommen immer wieder vor. Der erste entlockt ihr den ersten Schrei, als er ihr bei der Geburt einen Klaps auf den Po verpasste, ein anderer entfernt einen Blinddarm, einer die Mandeln, einer die Weisheitszähne und wieder einer Föten. "Er nahm einige Abtreibungen vor" steht dort knapp, und das wirkt noch krasser als die unbeschrifteten Plaketten, die mit "Künstler" betitelt sind. Der letzte wird der Priester sein, der ihr die Augen schließt. Warum denn nur Männer in ihrer Geschichte vorkommen? "Wieso denn?", fragt sie und erklärt: "Meine Mutter kommt ja auch in einem Text vor." Es sieht so aus, als seien ihre einschneidensten Erfahrungen sehr schmerzhaft gewesen. "Wir alle machen verletzende Erfahrungen, aus denen lernt man ja auch etwas." Kann sie sich vorstellen, dass ein Mann in einer vergleichbaren Arbeit über seine Geschichte nur Frauen erwähnt? "Wissen Sie", sagt sie, will sich partout nicht festlegen und wird dabei ein bisschen fuchtig, "dieses ist ganz allein meine Geschichte, die ich hier zeigen wollte, und die Interpretation liegt beim Betrachter - man kann sie persönlich sehen oder symbolisch. Man kann alles sehen. Das ist Kunst."

Sie pariert die Fragen, als hätten diese sie selbst in Frage gestellt. Sie wehrt ab, was ihr wie eine Falle erscheint, als wären ihr schon zu viele gestellt worden. Insgesamt erscheint ihr ziemlich vieles wie eine Falle.

Scheue Berliner

Diese Telefonaktion damals, bei der sie ein Telefon in einer Galerie einmal am Tag zufällig anrief, was hat sie da mit den Berlinern besprochen? "Das war immer anders. Das hing von den Leuten ab." Wie waren die denn? "Scheu. Immer scheu." Als sie die Aktion an anderen Orten wiederholt hat, waren die Leute da anders? "Nein, manchmal gingen Intellektuelle dran, das war dann ein gutes Gespräch." Gab es irgendwelche Unterschiede? "Die Frauen", sagt sie da, "die waren immer viel entspannter und offener. Die Männer haben immer gedacht sie werden heimlich aufgenommen oder gefilmt. Die vermuteten überall eine Falle", sagt sie und lacht zum ersten Mal.

Auf John Lennon wollte sie nicht angesprochen werden, hieß es vor dem Gespräch. Es sei ihr unangenehm, immer wieder "die alten Geschichten" hervorzukramen. Und doch, man kann sich nicht helfen, wenn man durch die Ausstellung ging - John Lennon war die ganze Zeit dabei: da war die kleine Brille mit den runden Gläsern, die sie nicht mehr selber trägt, die aber jetzt in Bronze zu Kunst geworden ist und für 20 000 Dollar zu haben ist. Da sind die 21 Digitalprints, zu je einem Drittel John Lennons Gesicht. Und Rafael Vostell hatte in einem Galerierundgang darauf hingewiesen, dass der angenagte Apfel in Bronze Bezug nimmt auf die aufgeschnittenen Apfelhälften eines Beatles-Doppelalbum. Es wirkt, als würde sie sich verbitten daran erinnert zu werden, aber gleichzeitig immer noch künstlerisch mit diesem Pfund wuchern.

Yoko Ono setzt sich jetzt für ein Foto an ihren weißen Schachtisch, der keine schwarzen Felder hat. Beide Seiten spielen Weiß. Die meisten interpretieren dieses Kunstwerk als eine weitere Friedensbotschaft der Künstlerin: Peace! Es gibt keinen Feind mehr, denn der Gegner spielt mit den gleichen Farben wie man selbst! Aber wenn man dann im Spiel die Figuren nicht mehr auseinanderhalten kann, steht man plötzlich vor der Unmöglichkeit eines Schachspiels in Frieden und ohne Gewinner. Und dann scheint dieses Kunstwerk zu rufen, dass man selbst eigentlich sein allerbester Widerpart ist - denn man selbst spielt mit den gleichen Farben wie der Gegner! Yoko Ono setzt sich und zieht die erste Figur.

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