Berlin : Hertha BSC: Die Fans sollen wieder das Gefühl haben, zum Verein zu gehören

Andre Göhrke

Vielleicht hat es damals wirklich Drohungen von Hertha-Hooligans gegeben, vielleicht auch all die nächtlichen Telefonanrufe. Was Carsten Grab aber wirklich dazu gebracht hat, sich am 17. Oktober vergangenen Jahres vor die einfahrende U-Bahn zu werfen, weiß niemand. Der Fanbeauftragte von Fußball-Bundesligist Hertha BSC starb im Alter von 30 Jahren. Ein halbes Jahr hat sich der Klub Zeit gelassen, um dessen Nachfolger zu bestimmen. Nun steht es fest: Mit Andreas Blaszyk und Donato Melillo haben in diesen Tagen zwei Fanbeauftragte ihren Arbeitsvertrag unterschrieben.

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Tipp-Spiel: Wer wird Deutscher Meister? In den vergangenen Monaten hat sich Hertha BSC nicht über Nachfolger von Carsten Grab geäußert. Der Klub hatte erkannt, dass der Druck aus der eigenen Fanszene zu groß ist, das Ansehen im Verein aber zu gering. Grab musste als Hertha-Fan kommerzielle Vereinsansichten vertreten, ohne aus der Vorstandetage Rückendeckung zu bekommen. So galt Grab unter einigen Fans als Verräter. Jetzt stellt sich Hertha von vornherein vor seine Fanbetreuer. Herthas Manager Dieter Hoeneß wird beim nächsten Fanklub-Treffen die beiden Neuen und deren Konzept vorstellen. "Es ging uns nicht um Geschwindigkeit, sondern um Qualität", sagt Hoeneß.

Blaszyk ist eher der klassische Fanbetreuer, "ein Mann der Basis", wie Hoeneß sagt. Der 33-Jährige reist mit den Anhängern zu den Auswärtsspielen, ist im Stadion Ansprechpartner für Fans und Polizei. Melillo dagegen kümmert sich um den geschäftlichen Teil. Der 25-jährige BWL-Student hatte den Job bislang kommissarisch ausgeübt. Er konzentriert sich auf die Strukturierung der Fanszene, verwaltet den Fan-Etat, organisiert beisspielsweise die Sonderzüge zu den Auswärtsspielen, einer, wie Hoeneß sagt, "der eine gewisse Distanz hat, aber auch die Strategie des Vereins begreift." Der Fanbetreuerstab wird ähnlich wie bei Grab noch erweitert, um beispielsweise direkte Ansprechpartner in der Hooliganszene zu haben.

In den kommenden Wochen geht es jedoch erst einmal um die vernachlässigte Strukturierung der Fans. Die Zahl der Fanklubs ist auf knapp 700 mit 13 000 Mitgliedern angestiegen. Sie sollen sich untereinander besser organisieren, Reisen zu den Spielen gemeinsam antreten. So schließen sich derzeit zehn Hertha-Fanklubs aus Süddeutschland zur "Fangemeinschaft Süd" zusammen. "Denen müssen wir stärker das Gefühl geben, dass zum Verein gehören", sagt Blaszyk.

Viele Fanklubs hatten sich beschwert, dass der Verein mit seinen Fans prahle, aber nichts für sie tue. Auch der schlechte Kontakt zur Mannschaft wird von den Fans immer häufiger bemängelt. Fans, die im Rollstuhl sitzen, meckern über ihren schlechten Stellplatz im Olympiastadion. Sie sitzen zwischen Ober- und Unterrang im Stadionrundgang. Stehen dann die Hertha-Fans auf ihren Sitzen, "sehen wir nichts als Ärsche", sagt ein Rollstuhlfahrer.

Hertha lässt sie zwar kostenlos ins Stadion, vergibt aber keine Reservierungen. Wer zu spät kommt, muss damit rechnen, dass die wenigen Plätze belegt sind. In anderen Stadien dürfen sie auf die Tartanbahn. In Berlin scheitert das offiziell "an den fehlenden Nassräumen", also behindertengerechten Toiletten. "Das sind Kleinigkeiten, an die einfach keiner denkt", sagt Blaszyk. "Wir müssen versuchen, auf ihre Interessen beim Stadionumbau zu achten", sagt Melillo. Deshalb machen sie sich für einen Fanklub von Rollstuhlfahrern stark.

Besonders neu sind diese Ideen jedoch nicht. "Carsten Grab hatte die meisten Sachen bereits angedacht", sagt Blaszyk. "Er sollte bloß alles allein machen." Ähnlich sieht es Melillo: "Die ganze Fanarbeit ist so stark explodiert, das war zu viel für einen Einzelnen." Blaszyk kannte Grab seit zehn Jahren. Nun übernimmt er dessen Job. Auch diese Idee hatte Grab. Er wollte seinen Job bei Hertha aufgeben und den Posten als Fanbeauftragter des Deutschen-Fußball-Bundes übernehmen. Sein erster Arbeitstag wäre am 1. Juli 2001 gewesen.

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