Hertha unterm Hakenkreuz : Ehemaliger Mannschaftsarzt Horwitz bekommt Stolperstein

Hertha BSC erinnert mit einem Stolperstein an seinen ehemaligen jüdischen Mannschaftsarzt Hermann Horwitz, dessen Spur sich im KZ Auschwitz verliert.

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Mit einem Stolperstein erinnert Hertha BSC an ihren ehemaligen Mannschaftsarzt Hermann Horwitz.Alle Bilder anzeigen
Foto: Thilo Rückeis
23.04.2013 17:05Mit einem Stolperstein erinnert Hertha BSC an ihren ehemaligen Mannschaftsarzt Hermann Horwitz.

Auch am Prager Platz blühen schon die Krokusse. Vögel zwitschern. Vor Ristorante, Eiscafé und Konditorei stehen Tische auf dem Trottoir. So ungefähr geht Idylle. Es ist nicht bekannt, wie das Wetter vor 70 Jahren war, aber idyllisch ging es in den tausend Jahren zwischen 1933 und 1945 eher selten zu. Die Jungs, die sich auf dem abgesperrten Rasenrondell lümmeln, hätten die SS-Männer wohl sofort in Schutzhaft genommen. Damals, am 3. April 1943, als sie Hermann Horwitz holten. Hermann Horwitz war mal Mannschaftsarzt von Hertha BSC, und als er vor 70 Jahren ins Sammellager an der Großen Hamburger Straße musste, zum Weitertransport nach Auschwitz, da hieß er behördlicherseits schon Hermann Israel Horwitz. Herthas jüdischer Arzt war längst vergessen, bis ihn der Historiker Daniel Koerfer in den Akten der NSDAP entdeckte. Ein Zufallsfund bei den Recherchen für Koerfers großartige Studie „Hertha unterm Hakenkreuz“. Seit Dienstag erinnert vor Horwitz’ Wohnhaus an der Prager Straße 24 ein Stolperstein an den Mann, dessen Spur sich in Auschwitz verliert. Neben Koerfer ist auch der Charlottenburg-Wilmersdorfer Bürgermeister Reinhard Naumann gekommen.

Hertha BSC bietet auf: Präsident Werner Gegenbauer, Aufsichtsratschef Bernd Schiphorst, den heutigen Mannschaftsarzt Ulrich Schleicher und Ben Sahar, den ersten israelischen Profi in Diensten des Klubs. Dazu kommen um die 50 Interessierte, ein paar von ihnen tragen blau-weiße Hertha-Schals und einer sogar eine Kippa. Stolpersteine sind kubische Betonwürfel mit aufgesetzter Messingplatte, seit 1990 erinnern sie vor den Wohnhäusern verschleppter Nazi-Opfer an deren Schicksal. Von Hermann Horwitz ist bekannt, dass er 1885 geboren wird, im Ersten Weltkrieg für den Kaiser kämpft und das, was er für sein Vaterland hält. 1920 promoviert er mit einer Arbeit über Lungen- und Kehlkopftuberkolose, ein damals weit verbreitetes Elend in den Berliner Arbeiterquartieren. Etwa am Gesundbrunnen, der Heimat von Hertha BSC. Horwitz wohnt im wohlhabenden Wilmersdorf.

Den Kontakt zu Hertha knüpft er über den Klubchef Hans Pfeiffer, er trägt nach der braunen Machtübernahme den zeitgemäßen Titel „Vereinsführer“. Durch die Bekanntschaft zu Pfeiffer gerät Horwitz ins Visier des deutschen Staatsterrors, in dessen Folge er am 19. April 1943 nach Auschwitz verschleppt wird. Der Historiker Koerfer hält eine kurze Rede und erzählt von der deutschen Pedanterie, die Horwitz bis in den Tod verfolgte. Die Bewag macht eine Restforderung von 20 Reichsmark geltend. Das Finanzamt Wilmersdorf-Nord treibt 20,20 Mark plus eine Mark Mahngebühr Einkommenssteuer ein. Der Vermieter fordert die Aprilmiete in Höhe von 205,80 Mark, bevor er Horwitz’ Wohnung einem SS-General zuschanzt. Man mag es für einen Akt historischer Gerechtigkeit halten, dass dieser Obergruppenführer Georg Jedicke nicht viel hat von seiner neuen Bleibe.

Kurz nach Horwitz’ Deportation erfährt die Prager Straße schwere Zerstörung. Auch das Wohnhaus an der Ecke zur Nachodstraße überdauert den Bombenkrieg nicht. 70 Jahre später muss die Stolperstein-Prozession ein paar Mal die Straßenseite wechseln, bis endlich die richtige Stelle gefunden ist. Bevor der Stolperstein seinen Platz im Straßenpflaster findet, erzählt der Bezirksbürgermeister dem israelischen Fußballspieler von seinen Partnerstädten in Israel. Schwierige Sache bei dem Verkehrslärm der viel befahrenen Nachodstraße. Im allgemeinen Durcheinander geht unter, an welcher historisch belasteten Stelle der Stolperstein gepflanzt wird: schräg gegenüber von einem Restaurant, das einmal Mykonos hieß und in dem vor gut 20 Jahren vier kurdische Exilpolitiker vom iranischen Geheimdienst ermordet wurden. Ein anderer Fall von Staatsterrorismus zu einer anderen Zeit.

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