Berlin : Herthas Fußballakademie: "Ich schließe pünktlich ab"

Andre Görke

Die Hände vergraben sich in den Taschen, der Mantelkragen ist hochgeschlagen. Ein paar Hertha-Fans stehen im Nieselregen. Es ist ungemütlich hier auf dem Parkplatz vor der Geschäftsstelle des Fußballbundesligisten Hertha BSC. Ein paar junge Spieler in Trainingsanzügen laufen vorbei. Das Hertha-Emblem auf der Brust, die Haare gegelt. Sie sind braungebrannt. Die weiblichen Groupies lächeln. Die Aussichten auf einen Flirt mit den Nachwuchstalenten sind jedoch gering. Die Jungkicker haben sich hier an der Akademie des Klubs gefälligst für Fußball zu interessieren. Nicht für Mädchen.

Die Regeln sind hart in der Fußball-Akademie von Hertha BSC, die im Seitenflügel neben der Geschäftsstelle liegt. Die Hausordnung hängt gleich neben der Eingangstür. Punkt Drei: "Die Mitnahme des Besuchs auf die Zimmer ist nicht gestattet." Mädels müssen draußen bleiben. "Daran haben sich die Jungs zu halten", sagt Harri Ramin. Er ist Herthas Herbergsvater, ein freundlicher, aber bestimmter Mann. "Sie haben den Regelkatalog unterschrieben. Wer sich nicht an die Regeln hält, dem droht, ausgeschlossen zu werden", sagt Ramin. Das steht unter Punkt Neun. Es gibt noch weitere Regeln: Das Aufhängen von Postern in den Zimmern muss abgesprochen werden. Dreckige Wäsche hat nicht herumzuliegen. Um 22 Uhr müssen die Spieler im Internat sein, eine Stunde später ist Bettruhe. "Ich schließe pünktlich ab", sagt Ramin.

Der 48-Jährige schlürft mit seinen Pantoffeln den langen Flur entlang. "92 Meter", sagt Ramin. Heute Nachmittag wird Sportsenator Klaus Böger die Akademie offiziell eröffnen. "Hundert Gäste sind eingeladen", sagt Ramin. Zwei Millionen Mark hat Hertha hier investiert. Nach drei Monaten Bauzeit war die zweite Etage des Gebäudes im August fertig.

Ein Stockwerk tiefer sind Bohrmaschinen zu hören. "Da kommen später die Profis rein", sagt Ramin. Er wohnt mit seiner Frau Regina am Ende des langen Flurs. "Eine 130-Quadratmeter-Wohnung", sagt Ramin. In der alten Wohnung waren es nur 60 Quadratmeter. Die beiden Betreuer helfen den jungen Spielern zum Beispiel beim Nudeln Kochen, erzählt Ramin. Oder beim Umgang mit einer Waschmaschine. Mit einem Bügeleisen könne auch nicht jeder umgehen, sagt Regina Ramin. Sie muss lächeln.

Die 14 hier einquartierten Spieler sind zwischen 14 und 18 Jahren alt. "Wir müssen ihnen bei alltäglichen Dingen noch helfen", sagt Falko Götz, Herthas Jugend- und Amateurkoordinator. "Familie Ramin ist ein Glücksgriff." Fünf Millionen Mark steckt Hertha jährlich in seinen Nachwuchs.

Die 18 Einzelzimmer sind etwa 20 Quadratmeter groß. Zwei Spieler teilen sich ein Badezimmer. Neben den Türen hängen die Namen der Patenspieler. "Michael-Preetz-Zimmer", steht auf einem Schild. Das ist das Zimmer von U-16-Jugendnationalspieler Robert Müller. Einen Fernseher habe Hertha bewusst nicht in die Zimmer gestellt, erzählt Koordinator Falko Götz. "Wir sind ein Team. Die Spieler sollen miteinander reden." Ein großer Fernseher steht in der Gemeinschaftsküche. Gegenüber hat Hertha BSC sechs Computer aufgestellt. "Ein Internetcafé", erklärt Ramin.

Neben der Akademie befindet sich der Kabinentrakt der Profis. Die Jugendspieler dürfen Kraftraum, Saunaanlage und Entmüdungsbecken mitbenutzen. Fünf Rasenplätze sind auf dem Gelände bereits fertiggestellt, zwei Kunstrasenplätze sind in Planung. Sie leben wie die Profis. Und was ist mit dem Alkohol? "Alle abstinent", sagt Ramin. Er meint es ernst.

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