Berlin : Herz für Schweden

Die Skandinavier genießen Sympathien in der Stadt Stefan Jacobs machte den Elchtest im Fan-T-Shirt

-

Ich verstehe wenig von Fußball, aber ich fand, dass die WM nicht ohne mich stattfinden sollte. Also ließ ich mich bei der Fifa-Blind-Date-Lotterie registrieren und wurde für Schweden gegen Paraguay letzten Donnerstag im Olympiastadion eingeteilt. Irgendwo stand, dass Fußball nur Spaß macht, wenn man Fan ist. Weil es nirgends Paraguay-Shirts gab, wurde ich Schweden-Fan, indem ich zwei Stunden vor Anpfiff ein blau-gelbes Trikot mit der Aufschrift „Sverige“ erwarb. Erst schien die Farbe nur den Obstfliegen zu gefallen, aber in Wahrheit gefällt sie allen, inzwischen auch mir.

Nach dem Einsnull in der 89. Minute wickelten mich die auch betrunken sehr entspannten Schweden in ihre Flaggen mit ein. Auf dem Heimweg sangen wir gemeinsam „Heja Swäärije“ und klatschten einem original schwedischen „Polis“-Beamten am S-Bahnhof die erhobene Hand ab. Schwedische Sprachkenntnisse ergeben sich aus Englisch und knapp zwei Promille Alkohol übrigens automatisch.

Weil ich nicht das Fifa-WM-T-Shirt für 70 Euro, sondern eines made in China für 20 Euro gekauft habe, kann ich es nie lange tragen: 100 Prozent Polyester. Das riecht schnell, aber es trocknet auch schnell. Zum Spiel gegen England am Dienstag war es wieder frisch. Diesmal für die Arena vor dem Reichstag. Am Eingang boten mir Schwarzmarkthändler Tickets mit dem Aufdruck „3,00 €“ für 35 Euro an. Schweden ist Hochpreisland, werden sie gedacht haben. Ihr Englisch war passabel. Vor dem Spiel defilierten weitere Deutsche an mir vorüber, sagten Dinge wie „Swedish are good guys“ und „We wish that you will win“. Die Schweden haben dann zwar nicht gewonnen, aber auch hinterher verabschiedeten mich wildfremde Berliner mit Handschlag und netten Worten.

Auf dem Bahnhof Friedrichstraße bahnte sich ein Hänfling den Weg durch den schwarz-rot-goldenen Lärm, um mich – ausgerechnet mich! – nach dem Zug zum Alex zu fragen. Ein Finne, also auch einer von den Guten, er erkundigte sich nach dem Spielverlauf und meinem Heimatort, um schließlich enttäuscht abzuziehen.

Ein Skin, der in der ziemlich leeren Bahn nach Köpenick saß, zog angesichts meines entfernt ekuadorianisch aussehenden Shirts gleich diese „Scheiß-Kanaken!“-Visage. Aber als er genauer hinsah, deeskalierte sein Blick. Kurz vor Tarifbereich C grüßte mich dann eine Blondine („Hej, hej!“), die mich sonst nicht gegrüßt hätte. Ich dachte an ganz neue Möglichkeiten, sie wohl eher an kostenlos nachgelieferte Ikea-Schrauben oder den Volvo ihres reichen Freundes.

Das WM-Finale vor vier Jahren habe ich an einer Imbissbude in Masuren geschaut, als deutscher Tourist zwischen 30 polnischen Brasilien-Fans. Damals ist nichts passiert, aber das Schweden-Shirt ziehe ich heute lieber nicht an. So oder so: Ich werde ein guter Verlierer sein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben