Berlin : Herzklopfen im Walzertakt

Die Csárdásfürstin zeigte auf der Bühne, wie’s geht. Dann flirteten die Zuschauer selber – bei der ersten Operetten-Single-Party in der Komischen Oper

Anne Seith

Da sag’ noch einer, Opernliebhaber seien meistens schüchtern. Von wegen. In der Nacht auf Samstag wurde in der Komischen Oper geflirtet wie zu Casanovas Zeiten. Heiße Blicke schossen schon in der Pause quer durchs Foyer und kleine Zettelchen machten die Runde. „Stürze Dich mit mir ins Abenteuer“, stand darauf oder: „Die Oper ist wohl Deine Welt, willst Du auch meine kennen lernen?“ Die Komische Oper hatte für diese Aufführung der Csárdásfürstin zur Operetten-Single-Party geladen.

Also bekam jeder Besucher am Eingang einen Aufkleber mit einer Nummer angeheftet, und im Foyer hing eine Pinnwand, auf der Nachrichten hinterlassen werden konnten. Damit auch genügend Zeit zum Kennen lernen blieb, gab es außerdem im Anschluss an die Aufführung eine Party – auf der DJ Ades Zabel nicht nur 80er-Jahre-Platten auf den Teller legte, sondern auch jede Menge Operettenwalzer.

Vor allem die jungen Besucher sind nach der Aufführung so richtig in Flirtlaune. „Ist ja klar, nach so einer schönen Herz-Schmerz-Geschichte“, sagt Verena, die gemeinsam mit einem Freund gekommen ist. Dabei mag die 30-Jährige Single-Parties eigentlich gar nicht. „Das ist so eine Fleischschau“, sagt sie. „Aber hier ist die Stimmung anders.“

Tatsächlich ist die Atmosphäre in der Komischen Oper an diesem Abend eine besondere. Das riesige Foyer ist schummrig rot ausgeleuchtet. Alt mischt sich mit Jung. Befrackte Herren drehen mit Damen in glitzernden Abendkleidern ihre Walzerrunden, lassen sich aber auch bei Gloria Gaynors „I will survive“ von den vielen jungen Besuchern nicht von der Tanzfläche schieben.

Von verschämter Zurückhaltung ist trotz eleganter Garderobe nur wenig zu spüren. Vor allem junge Besucher gehen immer wieder zu der breiten Wand mit den rosa Zetteln, um Nachrichten zu schreiben oder welche abzureißen. Die 22-jährige Josefine hat gleich zwei Männer kennen gelernt. „Die Tuba und die Geige aus dem Orchester“, sagt die hübsche Blondine. „Und wir haben uns schon für die nächste Aufführung verabredet.“

Auch Dirk tauscht schon den ganzen Abend Botschaften aus. Zu einer normalen Singleparty würde der Flugbegleiter mit den strahlend blauen Augen nicht gehen. „Da sind mir die Leute zu langweilig“, sagt er. Die Idee mit der Operetten-Single-Party findet der 34-Jährige aber toll, sagt er. Weil er gerne in die Oper und ins Theater geht und heute Abend schon jede Menge Leute kennen gelernt hat, denen es genauso geht. Mit dem schönen Unbekannten, mit dem er so fleißig Nachrichten austauscht, hat er bisher nur Blicke ausgetauscht. „Ich habe ihm jetzt geschrieben, dass es eigentlich einfacher wäre, sich zu unterhalten“, sagt er. „Obwohl, das mit den Nachrichten, das hat was.“

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