Hetze gegen Flüchtlinge : Knuddelt die Rassisten nieder!

Argumente werden ignoriert, Mitleid abgelehnt. Da bleibt nur eins: Lasst uns den Hass mit Liebe kontern. Ein warmherziger Wutanfall zur Flüchtlingsdebatte

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Rassisten werden einfach zu wenig geknuddelt. (Abbildung ähnlich)
Rassisten werden einfach zu wenig geknuddelt. (Abbildung ähnlich)Foto: Reuters

Ich bin ja kein Philanthrop, aber ... So werde ich in Zukunft alle meine Sätze beginnen. Immer dann, wenn wieder jemand seinen Hass auskippt. Direkt bei mir oder bei anderen. Je mehr Flüchtlinge nach Berlin kommen, desto lauter werden die Stimmen derer, die da ihre Angst und ihre Frustration und ihre Vorurteile rausbrüllen. Die über „die Ausländer“ schwadronieren, die ihnen angeblich gleichzeitig die Arbeitsplätze wegnehmen und dem Staat auf der Tasche liegen. Die von Asylschmarotzern fantasieren, die jedem ihre Kultur aufzwingen und gleichzeitig in einer Parallelgesellschaft leben. Die Menschen als Wirtschaftsflüchtlinge kategorisieren, die offenbar alle so viel kriminelle Energie haben, dass sie in einem Schlauchboot das Mittelmeer überqueren, nur um im Görlitzer Park Gras an Touristen verticken zu können. Immer dann werde ich Sätze sagen wie: Ich bin ja kein Philanthrop – aber dich müsste man echt mal knuddeln.

Nicht mehr nur Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit

Nein, neu ist das nicht. Die Berliner Band Die Ärzte hatte schon 1993 den Verdacht, das ganze Getue mit dem Hass und der Gewalt sei im Grunde nur ein stummer Schrei nach Liebe. Aber heute sind es eben nicht mehr nur die Springerstiefel, die sich nach Zärtlichkeit sehnen. Seitdem Rassismus wieder salonfähig geworden ist und jetzt „Asylkritik“ heißt, gäbe es unheimlich viele Streicheleinheiten zu verteilen.
Anja Reschke – das ist die ARD-Moderatorin, die sich öffentlich darüber wunderte, dass sich nicht einmal mehr jemand wundert, wenn im Netz Hetze verbreitet wird, und dafür prompt als „Antifa-Nigger-Muslim-Zigeuner-Hure“ bezeichnet wurde – kennt das Phänomen. Sie forderte, den Menschenhassern müssten Grenzen aufgezeigt werden. „Mund aufmachen, Haltung zeigen!“, sagte sie. Ein Aufstand der Anständigen. Sehr gern. Aber da sollten wir nicht aufhören.

"Was, das Boot ist voll?" - einfach mal drücken! Volkskörper an Volkskörper. (Symbolbild)
"Was, das Boot ist voll?" - einfach mal drücken! Volkskörper an Volkskörper. (Symbolbild)Foto: dpa

Ich sage: Scheißen wir die Rassisten zu mit unserer Liebe!
Dass der Begriff des „Candystorms“, der Gegenentwurf zum Shitstorm, dereinst eigentlich vom schwulen Bundestagsabgeordneten Volker Beck für seine Parteifreundin und ausgewiesene Gutmenschin Claudia Roth erfunden wurde, dürfte in der Logik dieser Leute eine besondere Brisanz haben.
Ab morgen 5:45 Uhr wird zurückgetwittert! Mit derlei Nazi-Anspielungen wird man doch besorgten Bürgern wohl noch eine Freude machen dürfen, oder? Wenn also der oder die Nächste in einem sozialen Netzwerk schreibt, dieser oder jener gehöre vergast, dieses oder jenes Heim müsse man mal anzünden oder diese beziehungsweise jene Bevölkerungsgruppe neige generell zur Kriminalität, dann schreibe ich zurück: „Du, ich wollte nur, dass du weißt, ich bin hier und ich mag dich.“ Ich darf das, ich bin von der Lügenpresse.
Hashtag: #Lovetroll.

Eine Armee der schweigenden Mehrheit, die Rassisten mit ganz lieben Nachrichten zuballert

Das mit den Fakten und den Argumenten habe ich versucht. Ich habe auf die Artikel 1 und 16a des Grundgesetzes hingewiesen, habe versucht, die katastrophale Situation in Syrien, Eritrea und Afghanistan zu beschreiben, Empathie zu wecken. Bei einem Bekannten, der sich über Flüchtlinge vom Balkan aufregte, versuchte ich einen Perspektivwechsel. Er hatte Ende der 80er über Ungarn die DDR verlassen. Politisch verfolgt war er nicht, hatte im Gegenteil vom System profitiert. Ich bat ihn, sich zu vergegenwärtigen, dass er nichts anderes war als ein Wirtschaftsflüchtling. Hat nichts gebracht.

Zum Schutz des eigenen Vorurteils sind viele zu erstaunlicher Ignoranz fähig. Aber wenn man ihnen mit einer kleinen Freude den Spaß an der Hetze verderben kann – warum nicht? Ich stelle mir vor, wie eine Armee der schweigenden Mehrheit die Mailboxen, Pinnwände und Twitterfeeds der besorgten Hassbürger flutet mit ganz lieben Nachrichten. Und alle enden mit positiven Catchphrases wie „Reiches Deutschland!“, „Na dann guten Tag ...“ oder „Ein Leser mehr!“.

Und warum im Netz aufhören? Der nächste Rassist ist vielleicht nur eine Eckkneipe, ein Bürgeramt, eine Schule oder eine Wohnungstür entfernt. „Was, das Boot ist voll?“ Einfach mal drücken, Volkskörper an Volkskörper. Ganz frei nach dem Koran: Knuddelt sie, wo immer ihr sie findet!

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Dieser Text erschien zunächst als Rant in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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