Berlin : Heute Abend zum letzten Mal: Zadeks "Hamlet"

Rüdiger Schaper

Heute Abend: Hamlet. Zum letzten Mal. Und Montag Abend: Stella. Zum allerletzten Mal die alte Schaubühne. Ausverkauft. Auch jedem Abschied wohnt ein Zauber inne. So ist Theater, wenn es an Herz und Nieren geht. Drama, Schmerz, Katharsis. The time is out of joint. So muss es sein, wenn die Bühne etwas bewegt. Das haben wir in Berlin sehr lange nicht erlebt. Die Menschen stehen Schlange, Stunden vor der Vorstellung. Sie halten Schilder hoch: Karte gesucht! Wie in den guten alten Zeiten, die jetzt, da sie sich radikal und unwiederbringlich ändern, freilich auch viel besser aussehen, als sie je waren, damals ...

36 lange Hamlet-Abende, proppenvoll. Ein unglaublicher, unerklärlicher Run entwickelte sich auf Peter Zadeks Inszenierung, die längst nicht alle Erwartungen erfüllen konnte. Viele haben gesagt: ein schwacher Shakespeare, eine wunderbare Angela Winkler. Mit ihrer Prinzen-Rolle wurde sie zur "Schauspielerin des Jahres" gewählt. Eva Mattes, Otto Sander, Ulrich Wildgruber haben wir wiedergesehen, und wir sahen auch: Something is rotten in the state of Denmark. Das Theater ist ein langer, ruhiger Fluss ohne Wiederkehr, das Theater der Siebziger und Achtziger zumal.

Noch etwas ist in diesen Hamlet-Fest-und-Rest-Wochen sichtbar geworden. Das Theater braucht Stars. Das Theater braucht manchmal die alten, großen Stücke, um eine Magie zu entwickeln, die Massen anzieht. Was ist es anderes als Pop, wenn die Zuschauer strömen, um eine Geschichte zu hören, die sie kennen, eine kleine Menschheitsgeschichte mit großen Schauspielern, die sie lieben und verehren!

The rest is silence, haucht Hamlet sein Leben aus. Die Bühne ist mit Leichen übersät. Dann kommt Fortinbras. Der neue, junge Herrscher. Diese Figur gibt den Interpreten Shakespeares stets die größten Rätsel auf. Ist Fortinbras ein Guter oder ein Böser? Nun, dass er kommen muss, ist jedenfalls unbestritten. Die alte Zeit war aus den Fugen, etwas war faul im Staate, und Fortinbras wird das jetzt richten. Das sind wir guter Dinge. Erstens erscheint ja auch bei Shakespeare schon der Auftritt des frischen Heerführers als unvermeidlich, und zweitens wissen wir in diesem Fall glücklicherweise etwas mehr. Denn dort, wo unser Fortinbras - er nennt sich Ostermeier - herkommt, hieß es ja auch immerzu: ausverkauft! Auch bei ihm standen die Zuschauer Schlange, hielten Schilder hoch und wurden zu Fans, von starken Kräften magisch angezogen. Deshalb hat die Schaubühne ihn gerufen. To be or not to be, die Frage wird sich Thomas Ostermeier eines Tages stellen. "Shoppen & Ficken", Materialismus und Mordlust - davon gibt es bei Shakespeare mehr als irgendwo sonst.

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