Berlin : Heute an die Jobs von morgen denken

Unternehmer und Wissenschaftler fordern den Senat auf, mehr für Bildung und Forschung zu tun

Ingo Bach

Hochschulen sollten eine größere Planungssicherheit bekommen – mit langfristigen Hochschulverträgen und genau definierten staatlichen Zuschüssen ist das möglich. Sie sollten mehr autonome Entscheidungen fällen können, und im Senat muss endlich wieder ein eigenes Wissenschaftsressort eingerichtet werden. Daneben sollte es eine unabhängige Wissenschaftskommission geben, die von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft berufen wird. Dies sind die zentralen Forderungen eines hochrangig besetzten Gesprächskreises von Vertretern aus Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft. Die Initiative nennt sich „An morgen denken“, es gibt sie seit einem Jahr, und nun hat sie einen umfangreichen Katalog mit Forderungen an die Berliner Politik vorgestellt.

Hier wird die Wissenschaft vor allem als mäkelnde Kostgängerin zur Kenntnis genommen, einige Politiker übersehen sie ganz. So sei es unendlich schwer, mit dem Regierenden Bürgermeister überhaupt einen Gesprächstermin zu vereinbaren, klagen Hochschulvertreter.

In der Initiative springen Wirtschaftsbosse den Wissenschaftlern zur Seite. Es haben sich hier die Berliner Universitäten und Fachhochschulen, die großen außeruniversitären Forschungseinrichtungen wie das Wissenschaftszentrum oder das Hahn-Meitner-Institut und Wirtschaftsvertreter der Industrie- und Handelskammer und des Pharmakonzerns Schering zusammengeschlossen. Der Gesprächskreis ist bisher einmalig in der Bundesrepublik – und offenbar wird er in Berlin besonders gebraucht. „In Bayern oder Baden-Württemberg strotzen die Hochschulen im Vergleich zu Berlin vor Selbstbewusstsein, dabei sind wir hier in manchem besser", sagt Ingolf Hertel, Sprecher des Wissenschafts- und Wirtschaftsstandortes Adlershof.

Dabei hat die Wissenschaft eine Menge für Berlin zu bieten: 45 000 Arbeitsplätze zum Beispiel. Allein in Adlershof haben sich 357 Betriebe angesiedelt, die dort eng mit den Forschungseinrichtungen kooperieren können. Und nicht zuletzt lassen die 133 000 Studenten jährlich 1,1 Milliarden Euro in der Stadt. „Und trotzdem hat die Berliner Politik noch immer nicht die Bedeutung der Wissenschaft für die Wirtschaft verstanden“, sagt der Schering-Vorstand Günter Stock.

Doch die Wissenschaft fordert nicht nur. Offenbar sind die Hochschulen bereit, sich mit der Finanzmisere des Landes zu arrangieren. „Die Mindestzahl von 85 000 ausfinanzierten Studienplätzen ist für uns nicht verhandelbar. Aber wir finden uns damit ab, dass sie für eine Übergangszeit nicht zu finanzieren sind“, sagte Peter Gaehtgens, Präsident der Freien Universität. Für sechs bis acht Jahren könne Berlin an den Hochschulen nicht alles bezahlen, was finanziert werden müsste.

Deshalb fordert die Initiative, eine Expertenkommission zu berufen, die Wege finden soll, wie die Berliner Hochschulen diese Durststrecke ohne bleibende Schäden überstehen können. Die Kommission soll die Politik beraten, wie sie die Hochschulen leistungsfähig halten kann. Darüber hinaus erwartet man Bewertungskriterien für die Universitäten. „Berlin muss endlich sagen, was es von uns verlangt“, sagt Gaehtgens. Darüber hinaus soll die Politik die Hochschulen ihre Arbeit machen lassen und nicht in jedes Detail hineinregieren. Zusammengefasst könnte das Angebot der Hochschulen an das Land wohl so lauten: Weniger Geld gegen mehr Autonomie. (Siehe S. 15)

Weitere Informationen zur Initiative:

www.an-morgen-denken.de

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