Heute ist Halloween : Bares oder Saures!

Harmloser Spaß? Lästiges Spektakel? An Halloween scheiden sich alljährlich die Geister. Besonders umstritten: Klingelnde Kinder, die Geld fordern. Und auch die Kirchen haben ihre Probleme mit dem Fest.

Moritz Herrmann
Ein Fall für die Tonne? Nicht jeder mag Halloween, der amerikanische Brauch spaltet.
Ein Fall für die Tonne? Nicht jeder mag Halloween, der amerikanische Brauch spaltet.Foto: dpa

Halloween spaltet. War so, ist so, wird so immer sein. Die Gräben, die sich bei dem Brauchtum zwischen Befürwortern und Kritikern, zwischen Kostümierwilligen und Kulturpessimisten auftun, sind dermaßen tief, man könnte sie nicht mit allen Marshmallows dieser Republik auffüllen. Oft entzündet sich der Streit an den jungen Drückerkolonnen, die von Tür zu Tür karawanieren. Ein Dreijähriger, verkleidet als Zauberer und in Begleitung seiner Eltern, ist noch süß. Ein Briefkasten, der in Schlagsahne ertrinkt, nicht mehr. Dabei droht genau diese Strafe. Die Racker werden bei Misserfolg zum Rächer und attackieren – mit Ketchup, Eiern, sogar Klebstoff – Klinken und Fassaden. Wer sich ziert, wird sanktioniert.

Manfred L. wohnt in einer Reihenhaussiedlung, mittlerweile kauft er rechtzeitig ein. Riegel, Weingummi, Konfekt, damit es friedlich bleibt. „Man wird völlig gefangengenommen von den Instrumentarien dieses Festes“, findet der mehrfache Vater. „Es ist ja schon soweit, dass sich auch die Leute, die mit Halloween überhaupt nichts zu tun haben wollen, eindecken.“ Sein Nachbar, erzählt Manfred, habe mal alle Lichter gelöscht, in der Hoffnung, er bleibe unbelästigt. Tags darauf musste er den weißgetünchten Gartenzaun auf kompletter Länge, 17 Meter, von Ketchup befreien. „Ich wache über mein Haus“, sagt Manfred, der die Furcht, der süße Vorrat reiche nicht, gut kennt. „Irgendwann portioniert man, reduziert von vier Bonbons auf zwei und dann auf einen pro Kind.“ Und wenn über den Abend verteilt 100 Kinder klingeln, wird’s auch teuer.

Bei den Mieterverbänden gibt es nur vereinzelt Beschwerden – Beleg dafür, dass sich die meisten Angeklingelten der Süßigkeitenforderung beugen. „Und wenn doch etwas passiert, also Flur oder Fassade beschmutzt werden, ist die Reinigung Aufgabe des Vermieters oder des Eigentümers“, klärt Reiner Wild, Geschäftsführer des hauptstädtischen Mietervereins, die Rechtslage.

Die Polizei Berlin sieht Halloween relativ gelassen entgegen. Man werde den Anlass im normalen Dienst abhandeln. Der Grat zwischen Streich und Sachbeschädigung oder Hausfriedensbruch ist aber, so der Sprecher, ein ganz schmaler. Ein zugeklebtes Schloss beispielsweise erfülle bereits den Straftatbestand. Längst hat das Fest seine Unschuld verloren. Dafür steht auch die Tatsache, dass manche Kinder den Türsprech modifizieren. Sie fordern nicht Süßes oder Saures, sondern Saures – oder Geld. Diese Kapitalistenwerdung passt zwar nicht zum Alter der Klingelnden, zu Halloween aber schon. Längst ist der 31. Oktober ein Tag, der ganze Industrien versorgt und viel Gewinn bringt.

Willy Fischel, Geschäftsführer des Bundesverbandes des Spielwaren-Einzelhandels, sagt: „Nach Fasching hat sich Halloween zur zweiten Kostümsaison gemausert. Den steigenden Absatz merken wir auch an der Ladenkasse.“ 30 Millionen Euro Umsatz werde pro Saison gemacht mit nachtleuchtenden Spinnen, selbstklebenden Wunden, Zombie-Masken. Letztere vertreibt in Schöneberg auch die Wunderwerkstatt. Seit vergangenem Freitag schon ist der Andrang groß, jetzt, kurz vor ultimo, zieht er nochmal an. Besonders begehrt: Zombie- und Hexenverkleidung. „Mittlerweile bezahlen die Leute gerne auch mal 60, 70 Euro für ihr Partyoutfit“, so Verkäuferin Linda Bolmberg. Und wenn alles gelaufen ist? „Dann räumen wir Halloween ins Lager und bauen die Silvesterdekoration auf.“ Nach der Fete ist vor der Fete.

Zu einer guten Halloweenparty gehört natürlich der Kürbis. Häufig stammt das runde Gewächs vom brandenburgischen Hof Buschmann-Winkelmann. Pro Herbst werden hier 150 000 Kürbisse verkauft und verarbeitet. „Je näher der letzte Oktobertag rückt, desto mehr Boom“, weiß Claudia Ehrlich. Wie der ganze Brauch geht auch die Kürbistradition auf die irischen Kelten zurück. Am All Hallows’ Eve gedachten sie ihrer Toten, dabei etablierte es sich, den durch das Dorf Ziehenden Essen ans Fenster zu stellen. Religiöse Ursprünge also, und doch mögen die Kirchen Halloween nicht. Die evangelische Kirche befürchtet eine Verdrängung des Reformationstages durch das Spektakel, sie gedenkt am 31. Oktober des Lutherschen Thesenausrufs. Die katholische Kirche Berlin sähe es derweil lieber, wenn die verkleideten Kinder Sachspenden statt Süßigkeiten sammeln.

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