Berlin : „Heute kommen die Bomber zu uns“

Zeitreise durch Berlin (7): Wenn in den letzten Kriegsjahren über der Stadt die „Christbäume“ angezündet wurden, war niemandem besinnlich zumute. So hießen die Signallichter, die den feindlichen Flugzeugen mit ihrer tödlichen Last den Weg weisen sollten

Lothar Heinke

Ist das der Abschied? Die eigene Stunde Null? Das Ende? Sie spürt, dass es diesmal ganz anders sein würde, viel gefährlicher als sonst. Als sie in der Nacht vor dem Heiligen Abend anno 1943 beim raschen, oft geübten Gang in den Luftschutzkeller das Geheul der Sirenen begleitet, fallen ihr beim Blick aus dem Fenster zum Flur im dreistöckigen Wohnhaus in Johannisthal die Lichter am Himmel auf. Ganz nah, zu nah, um ungefährlich zu sein, zerfließen die bunten Lichtkugeln in der Luft. Die Leute nennen sie „Christbäume“. Durch das Bellen der Fliegerabwehrkanonen hört sie das Brummen der englischen Flugzeuge, die in dieser mondhellen hohen Nacht der klaren Sterne „aus dem Raum Hannover-Braunschweig“, wie es immer im Radio heißt, in die Reichshauptstadt gekommen sind. Die fliegende Vorhut hat die Signale gesetzt. Die Christbäume zeigen den Boys in den gläsernen Kanzeln der „anglo-amerikanischen Terrorbomber“, wie Joseph Goebbels’ Zeitungen die alliierten Luftkrieger nennen, wo sie ihre Bomben ausklinken sollen. Und das tun sie präzise, kaum, dass sich die schwere Eisentür im Luftschutzkeller hinter ihr geschlossen hat.

Karola, Karola Greve, sitzt mit den anderen aus dem Haus da unten in einer Falle. Die Stimmung ist gedrückt. Niemand spricht. „Heute kommen sie zu uns“, flüstert die Mutter, „so nah waren die noch nie.“ Das dumpfe Beben, das durch die Mauern dringt, wird immer stärker; dies sind keine Brand-, sondern Sprengbomben, Luftminen gar, soviel hat sie schon gelernt in all den Nächten zwischen den Nachbarn im Keller mit den Köfferchen der notwendigsten Habe.

Und dann heult es und kracht. Mauern stürzen, „wir fliegen von einer Ecke zur anderen, ältere Menschen sprechen Gebete, Kinder schreien, Staub steigt auf, Verletzte kommen blutend durch eine zertrümmerte Wand aus dem Keller des Nachbarhauses und sagen, die und die seien tot, und das gab uns Lebendgebliebenen die Gewissheit, noch einmal davongekommen zu sein, wenngleich die Dächer über unseren Köpfen weg waren mitsamt den Wohnungen, und das in der Nacht zum Heiligabend.“

So beschreibt Karola Greve, damals Angestellte der Preußischen Staatsbank gegenüber dem Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, was für die 20-Jährige anno Dreiundvierzig und Vierundvierzig am prägendsten war. Am Ende steht eine grausame Bilanz systematischer Flächenbombardements, der „Battle of Berlin“, mit der sich der Royal-Air-Force-Luftmarschall Harris in die Geschichtsbücher bombte, indem er für die Angriffe der deutschen Luftwaffe auf England vielfach Rache nahm. Der Historiker Jörg Friedrich hat dies in seinem jüngst veröffentlichten, heftig diskutierten Buch „Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940 – 1945“ akribisch beschrieben. Die Bilanz des Luftkrieges, der in aller Brutalität gegen die Berliner Zivilbevölkerung an seinen Ursprungsort zurückgekehrt war: Fast 50 000 Tote, 1,5 Millionen Obdachlose, 600 000 zerstörte Wohnungen. Der dicke Generalfeldmarschall Hermann Göring hieß bei den Berlinern, die das alles stoisch, längst nicht mehr endsieggläubig, hilflos und mit einigem Galgenhumor ertrugen, nur noch „der Meier“, weil er in seiner Großspurigkeit verkündet hatte, fortan nurmehr Meier heißen zu wollen, sollte je ein feindliches Flugzeug die Reichshauptstadt erreichen.

„Aber – da ist natürlich noch viel mehr als der Bombenkrieg“, sagt die heute 79-Jährige und erinnert sich, wie das Essen war, das Leben in der Stadt und das Arbeiten um das Jahr ’44, als alles auf eine „Wunderwaffe“ hoffte, zahllose Einschränkungen das Dasein an der „Heimatfront“ beeinträchtigten, als es bald nur noch Frauen im Stadtbild gab, weil die Männer im Krieg waren, und viele Mütter mit ihren Kindern oder ganze Schulklassen vor den Bomben aus Berlin evakuiert wurden – manche, die nach Schlesien und Ostpreußen gingen, kamen nie zurück.

Karola Greve erzählt schnell und präzise. Ihre Erinnerung funktioniert bis ins Detail – dass sie damals „Bubikopf mit Dauerwelle“ trug, dass man Schwierigkeiten hatte, seine „Kleiderkarten“ einzulösen, weil die Kaufhäuser am Alex ausgebombt waren, und dass Unter den Linden Stühle zum Ausruhen standen, wenn man sich nicht ins Kranzler setzen und Abschnitte der Lebensmittelkarte für ein Stückchen Kuchen opfern wollte. Hin und wieder gab es statt Muckefuck den echten Bohnenkaffee, ein paar Süßigkeiten oder auch Zigaretten, die Karola „dem unbekannten Soldaten“, wie das hieß, ins Feld schickte, woraufhin der sich „für die Zauberstäbchen“ bedankte – die beiden sind sich nie begegnet. Dabei hätte man gemeinsam ins Kino gehen können: Gerade tanzt Marika Rökk als „Die Frau meiner Träume“ über die Leinwand, bringt Heinz Rühmann in der „Feuerzangenbowle“ ein ganzes Land zum Lachen. Oder ins Theater: Im „Deutschen“ in der Schumannstraße gelingt es dem Intendanten Heinz Hilpert, das Haus von nationalsozialistischer Verfügungsgewalt freizuhalten. Hier spielen Käthe Dorsch, Brigitte Horney, Ewald Balser, Paul Dahlke, Hans Moser, Erich Ponto und Heinz Rühmann – bis sich beim Fliegeralarm die Mimen und ihr Publikum im Hochbunker an der heutigen Reinhardtstraße wiedertreffen. Auf der Opernbühne stehen Erna Berger, Peter Anders und Josef Greindl in Flotows „Martha“ oder Wilhelm Strienz, Georg Hann und Walther Ludwig in den „Lustigen Weibern von Windsor“. Am 1. September 1944 schließen alle Theater, wenn sie nicht, wie der Wintergarten, schon zu Ruinen geworden sind. Nur Fußball wird noch gespielt. In der Tabelle der Gauliga Berlin-Brandenburg von 1944 steht der BSV 92 an der Spitze vor Blau-Weiß 90 und Union Oberschöneweide, Hertha BSC findet sich auf dem achten Platz.

Doch alle Vergnügungen halfen nichts. Der Postbote brachte immer öfter statt der sehnlich erwarteten Feldpostbriefe vom Mann, Sohn, Vater oder Bruder die Mitteilungen vom Heldentod „für Führer, Volk und Vaterland“. Im Mai 1944 erklärt der Reichsjustizminister Otto Georg Thierack das Todesurteil zur allgemein gültigen Strafe für jegliche „Gefährdung der Kriegführung und Sicherheit des Deutschen Reiches“ – das konnte schon ein Witz über die Nazi-Bonzen sein, ein nicht verdunkeltes Fenster in einer Bombennacht oder das Abhören von Radio London, wo der deutsche Volksgenosse, unter einer Decke versteckt, die Wahrheit über die Lage an allen Fronten erfuhr – den Vormarsch der Alliierten, den deutschen Rückzug aus der Toskana, Manfred Rommels Selbstmord, de Gaulles Einmarsch in Paris und die Blutorgie in Deutschland nach dem missglückten Attentat auf Adolf Hitler. Das Regierungsviertel an der Wilhelmstraße und die Schaltzentrale der Verschwörung in der Bendlerstraße waren an dem drückend heißen 20. Juli 1944 für einige Stunden Orte der Hoffnung auf ein Ende des Nazi-Schreckens, aber dann wurde zur Gewissheit, dass der Diktator lebt. „Es lebe das heilige Deutschland!“, rief Oberst von Stauffenberg in den Hof des Bendlerblocks, bevor das Füsilierkommando ihn und seine drei Getreuen fünf Minuten nach Mitternacht tötete. Dieser ersten Opfer aus dem Kreis der Verschwörer, denen tausende folgen sollten, wurden zunächst auf dem Friedhof der St. Matthäus-Gemeinde bestattet, doch schon nach wenigen Stunden schaffte man die Leichname ins Weddinger Krematorium. Ihre Asche wurde über die Rieselfelder bei Berlin verstreut.

Es gab in dieser Zeit in der Stadt, wo der Krieg und seine Zerstörungen die Aktualität jeder Art von Kartografie unmöglich machten, auch eine besondere Form von Leid, Not und Verfolgung: Widerstandskämpfer, Sozialdemokraten, Kommunisten und Juden waren ständig auf der Flucht. Die Jüdin Inge Deutschkron lebte vom Januar 1943 bis zum Kriegsende im Untergrund in Berlin. „Wir schliefen eine Zeit lang hinter dem Tisch eines Ladens, in den wir jeden Abend hineingeschmuggelt wurden. Wir schliefen in einem Bootshaus, wir schliefen auf der Erde einer kleinen Wohnung. Wieder nahmen uns ehemalige Sozialdemokraten aus dem Norden Berlins auf. Und wieder fragte nach einer gewissen Zeit ,neugierig‘ eine Nachbarin, die möglicherweise guten Willens war. Aber ihre Neugier war für uns gefährlich. Wir wurden weitergereicht…“

An den Endsieg und die Losung „Unsere Mauern brechen, unsere Herzen nicht“ glaubten 1944 nur noch wenige. Karola Greve nicht. Sie sehnte im Johannisthaler Bombenbunker oder im Tresorraum ihrer Bank das Ende des alltäglichen Schreckens herbei. Noch heute denkt sie in hellen Vollmondnächten an die Flieger mit ihren Bomben – damals, vor 58 Jahren, als die Christbäume am Himmel standen und die Stadt im feuerroten Flammenschein versank.

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