Berlin : Hexenküche im Heizungskeller

Christine Habermalz

Mit Knochenleim und Ochsengalle werden über 40 Jahre alte Wandgemälde der Meisterschüler gerettetChristine Habermalz

Im Heizungskeller der Akademie der Künste sieht es aus wie in einer Hexenküche. Auf elektrischen Kochplatten stehen Töpfe mit einer stinkenden, klebrigen, zähflüssigen Masse: Knochenleim. Man nehme: Knochenleim, erwärme ihn unter Rühren, dazu füge man etwas Ochsengalle, einen Schuss Essig und etwas Fungizid, gegen den Pilzbefall. Nicht zu vergessen eine Prise Zucker, um das Ganze abzurunden: fertig. Benötigt wird das Gebräu, um die Gemälde abzunehmen, die Meisterschüler der Akademie hier vor über 40 Jahren an die Wände malten.

"Das Rezept wurde schon im 18. Jahrhundert in Italien angewandt, ursprünglich, um Fresko-Malereien aus hochwassergefährdeten Gebieten zu retten", erläutert Jörg Breitenfeldt von der Berliner "Restaurierung am Oberbaum". Der warme Leim wird in mehreren Schichten auf die Wand aufgetragen. Beim Trocknen wird er sehr hart und zieht sich zusammen. "Damit wird auch die Malschicht zusammengezogen und dann wie ein Pflaster vom Putz abgezogen." Der kleine, hochspezialisierte Fachbetrieb ist von der Landesdenkmalpflege beauftragt, die bunten Szenerien an den Kellerwänden der Akademie abzunehmen und zu konservieren.

Eile ist geboten, denn die Abrissbagger stehen schon vor der Tür. Der größte Teil des Kellers soll dem geplanten Kongresszentrum des benachbarten Adlon weichen. Erst im letzten Moment erinnerte man sich der einzigartigen Wandmalereien, und beschloss, sie zu erhalten. 1956 hatten die damaligen Meisterschüler der Akademie Harald Metzkes und Ernst Schröder, Horst Zickelbein, Manfred Böttcher und Werner Stötzer die Bilder für ein Faschingsfest gemalt, zu dem sie ihre Meister eingeladen hatten. Hier unten tobten sich die jungen Künstler aus - abseits der Maßregelungen der sozialistischen Kulturfunktionäre.

Ein fetter, o-beiniger Hund, der ein Wohnzimmer mit Tisch, aufgehängtem Gewehr und toter Ente bewacht, ist als nächstes dran: Ernst Schröders "Interieur eines Wilderers". Zuvor wurde das Gemälde sorgsam gereinigt, gefestigt und mit dem Knochenleim bestrichen. Darüber kommen Silicon und eine starre Form aus Plastikschaum. So wird das Profil der Wand mit all ihren Buckeln und Rissen gleich mit abgeformt - um die Kelleratmosphäre der Bilder zu erhalten. Alles ist vorbereitet. Trotzdem ist die Nervosität zu spüren. "Man hat immer nur eine Chance, entweder es klappt, oder es klappt nicht", sagt Breitenfeldt. Dann geht alles ganz schnell: Ein Ruck, ein Geräusch wie eine reißende Zeltwand. Ein banger Moment: ist alles dran? Schließlich Aufatmen: Die Abnahme scheint geglückt. Das "Interieur des Wilderers" liegt komplett, mit dem Gesicht nach unten, auf dem Estrich. Ein ungewöhnlicher Blickwinkel: Wann sieht man schon einmal ein Bild von hinten?

Nach 40 Jahren Kellerdasein wird der Hund nun von den Restauratoren vorsichtig ans Tageslicht getragen. Zurück bleibt, als sei hier nie etwas gewesen, die schmutziggraue Kellerwand. Strappo-Verfahren heißt die traditionelle Knochenleim-Methode. In der Restauratorenwerkstatt an der Oberbaum-Brücke wird sie jedoch mit moderner Flugzeugtechnologie kombiniert. Die Rückseite des Bildes wird mit Kunstharz ausgegossen, das Ganze auf einen neuen Untergrund aus Aluminium-Wabenplatten aufgebracht, wie sie sich beim Bau von Jumbo-Jets bewährt haben: sehr leicht und äußerst stabil.

Mit Hilfe von Wärme und Feuchtigkeit kann dann die Knochenleimschicht auf der Oberfläche des Bildes aufgeweicht und vorsichtig wieder abgelöst werden - ungefähr so, als würde man mit dem Dampfbügeleisen Wachsflecken aus einem Kleidungsstück entfernen. Zwischen 8000 und 10 000 Mark kostet die ganze Prozedur - pro Quadratmeter. Insgesamt belaufen sich die Kosten für die Rettungsaktion auf eine halbe Million Mark.

Vielleicht solle man mit Geld doch lieber junge Maler unterstützen, schlug Bildhauer Werner Stötzer kürzlich bei einem Kellerbesuch vor. Seine Freude über die Rettung der Bilder konnte er dennoch nicht verbergen. Auch andere ehemalige Meisterschüler, heute längst renommierte Künstler, haben bereits signalisiert, dass die Kellerszenen für sie eine wichtige Etappe ihres Werkes darstellen. Die Zustimmung der Künstler war den Restauratoren wichtig: "Schließlich kommt es in unserem Metier selten vor, dass wir die Urheber der Kunstwerke noch befragen können", meint Breitenfeldt. Für die Retusche der Gemälde - also das Ausbessern der abgestoßenen Stellen und der abgeblätterten Farben - will er daher auch nach Möglichkeit die Künstler selber gewinnen, soweit sie noch leben. "Es ist schließlich besser, wenn am Ende das Original das Original restauriert."

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