Berlin : „Hey! Vorne, vorne!“

Unterwegs mit dem Bus am ersten Tag der neuen Regelung: Was Fahrer und Fahrgäste dabei so alles erleben

Juris Lempfert

An der Haltestelle Lützowstraße passiert es dann doch: Nachdem zwei Fahrgäste hinten aus dem Bus gestiegen sind, springt ein junger Mann schnell noch durch die offene Tür in den 200er Bus hinein. Schwarzfahrer? Oder nur einer, der – trotz der großen Hinweisschilder – noch nicht weiß, dass man Berliner Busse ab sofort nur noch von vorne betreten darf? Der Fahrer will es wissen. Er hat den jungen Mann entdeckt. Obwohl er bei jedem Einsteigenden ab sofort persönlich den Fahrausweis kontrollieren muss. Was an der Hintertür passiert, kriegt er nur mit, weil seine Augen hektisch zwischen den Tickets der Fahrgäste und dem Rückspiegel hin- und herrasen. Jetzt schlängelt er sich zwischen den Fahrgästen bis ganz nach hinten zu dem jungen Mann durch. Der zeigt sein Ticket, hatte in der Eile nur das Schild am Bus nicht gelesen. Es dauert. Unruhe im Bus. „Fahren Sie doch weiter“, sagt eine Frau. „Was kann ich dafür, wenn die Leute nicht lesen können“, sagt der Fahrer gereizt.

Am Potsdamer Platz steigt eine ältere Dame hinten aus. Nach ihr drängt ein Dutzend Touristen durch die Hintertür hinein. „Hey! Vorne, vorne!“, ruft der Fahrer, dann ist er umringt von anderen Fahrgästen, die vorne eingestiegen sind und ihm vorschriftsmäßig ihre Karte vors Gesicht halten. Die Touristen hinten lachen, nicht über den Fahrer – sein Rufen haben sie im vollen Bus nicht gehört. Der Fahrer senkt seinen Kopf auf die Brust und schüttelt ihn resigniert. Bis zum Alex beachtet er den Rückspiegel gar nicht mehr.

Aufstehen, weil ein Fahrgast hinten eingestiegen ist? Die Gruppe von Busfahrern, die am Bahnhof Zoo gerade Mittagspause macht, lacht darüber nur. „Niemals“, sagt einer, „das passiert doch jetzt dauernd, bis die Leute sich an vorne gewöhnt haben.“ Durch das Kontrollieren der Tickets käme es jetzt schon zu Verzögerungen, für mehr habe man keine Zeit.

Die BVG-Kunden sehen die neuen Regelungen unterschiedlich. „Das ist gerecht“, sagt Ursula Scheidt aus Mitte, die eine Jahreskarte gekauft hat, „jetzt zahlen endlich alle.“ Ganz anders Stefan Weber aus Prenzlauer Berg: „Wenn es wie heute regnet, bin ich doch klatschnass, weil ich so lange in der Schlange vor der Vordertür stehen muss“, sagt er.

Ob die neuen Regelungen Schwarzfahrer wirklich abschrecken, bezweifeln selbst Busfahrer. „Wenn uns beim Einsteigen einer ein abgelaufenes Ticket vorhält, dann kriegen wir das gar nicht mit“, sagt einer. Es sei unmöglich, jedes mal Datum und Uhrzeit zu überprüfen. Und gegen dreiste Schwarzfahrer sei man machtlos. Wer hinten einsteige und dann vom Fahrer ohne Ticket erwischt werde – dem passiere praktisch nichts. „Ganz ehrlich“, sagt der Fahrer, „je nachdem wie der mir kommt, kann ich ihn rausschmeißen oder die zwei Euro nachkassieren – mehr nicht“. Bußgelder für Schwarzfahrer dürften nur die Kontrolleure kassieren, die weiterhin in den Bussen unterwegs sind.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben