Berlin : Hi-Flyer: Die selbstlose Luftnummer

Lothar Heinke

Es ist Wahlkampf in Berlin, und da hätte gestern der Heliumballon am Potsdamer Platz getrost seine drei Buchstaben "SAT" gegen "SPD" tauschen können. Im mittäglichen Hitzetaumel, das Sakko lässig über der Schulter, erscheint SPD-Fraktionschef Michael Müller, um im Dienste der guten Sache mal kurz in die Luft zu gehen. Ende November läuft für Commander Frank Hellberg und sein Air Service Berlin die Genehmigung für den Hi-Flyer aus. Hauptgrund für das Ende der beliebten Touristenattraktion ist die Zusage von SPD-Senator Peter Strieder an die in den Ministergärten versammelten Ländervertretungen, einer weiteren Verlängerung für den Flug-Ball nicht zuzustimmen. Die Länder führen Sicherheitsbedenken ins Feld, überdies fühlen sie sich offenbar bei ihrer schweren Arbeit gestört, wenn ewig dieses bunte Ding auf und ab fährt.

Schon hier hätte der Senat der Touristenattraktion Priorität zugestehen müssen. Hat er aber nicht. Dafür hat er nun den Ärger, unter anderem mit Michael Müller. Der sagt nämlich, 150 Meter hoch und 30 Kilometer weitblickend über Berlin, dass der Ballon ein wichtiger Punkt für die Berliner Politik und den Tourismus sei, dass man den Leuten, die für 35 Mark der Stadt auf den Hut gucken, den Spaß nicht nehmen solle und dass der Ballon überhaupt schon irgendwie zum Stadtbild gehört, wenn man ihn von Ferne sieht. Das von den Ländervertretungen ins Spiel gebrachte Sicherheitsrisiko sei während der schwankenden Ballonfahrt nicht erkennbar, und es sei auch kein Argument, dass man den Herrschaften ins Büro oder Herrn Ministerpräsident Roland Koch ins Schlafzimmer gucken könne, schließlich gebe es ja auch so etwas wie Jalousien. Wenn es aber aus baulichen oder sonstwelchen Gründen nun an dieser Ecke der Voß- und Ebertstraße gar nicht mehr geht, dann müsse es einen anderen touristenfreundlichen Platz in der City geben, von dem aus der Ballon in die Höhe fahren kann. Müller denkt laut nach und sagt dann: Vielleicht am Schloßplatz?

Die Betreiber möchten natürlich am liebsten bleiben, wo sie sind. Bis Mitternacht rollt das knallbunte Fluggerät - als Teil der neuen Mitte und kilometerweit als Markierungspunkt für den Potsdamer Platz zu sehen - an seinem Stahlseil in die Höhe. Zwischen dem Frühjahr 2000 und dem diesjährigen Spätsommer haben 100 000 Menschen in der Gondel gestanden, fotografiert, herumgewundert und Angst- oder Glücksgefühle empfunden - nun deutet sich ein Ende an, trotz Michael Müllers Intervention zwischen Himmel und Erde.

Und da gibt es nur eine Pro-Ballon-Lösung: "Wenn uns die Ländervertretungen signalisieren, dass sie nichts gegen das friedliche Auf und Ab des Hi-Flyers haben, dann wäre unsere Zusage an die Länder hinfällig und wir könnten dem Betreiber eine weitere Genehmigung erteilen", heißt es aus dem Hause Strieder. Was hatte uns Hessens Ministerpräsident Koch im Oktober 2000 wissen lassen? "Ich störe mich keineswegs an dem Ballon, sondern würde gerne vielen Touristen, die ein Stück über Berlin schweben, zuwinken". Ein Wink genügt - und der Ballon kann bleiben.

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