Berlin : „Hi, I’m Mick“

Am Sonntag spielen die Rolling Stones wieder in Berlin. Toningenieur Martin Kasten begegnete Jagger bei seinem letzten Auftritt in der Stadt – er lieh ihm eine Hifi-Anlage

Frank Bachner

Der Anruf kam spät abends, und Martin Kasten wusste nicht, dass er ihm am nächsten Tag „doch ein irres Gefühl“ verdanken würde. Er ist keiner dieser Typen, die kreischen, wenn Promis aufkreuzen. Wie sähe das auch aus bei einem, der 1,96 m groß ist, Drei-Tage-Bart, schwarze Sonnenbrille und einen schweren Bauch trägt. Aber, Herrgott, wenn einem Mick Jagger die Hand gibt, dann ist das doch irgendwie eine andere Nummer.

An diesem Abend, im Sommer 1998, war Martin Kasten zunächst einmal nur genervt. War es denn, verflucht, so schwer, Klartext zu reden? „Hier ist das Hotel Four Seasons“, hörte Kasten, „wir haben da ein Problem.“ Na ja, das dachte sich Kasten fast, schließlich war es 23.15 Uhr, und er war nicht Chef eines 24-Stunden-Taxi-Service, sondern Besitzer eines Tonstudios in Kreuzberg.

„Wie benötigen morgen früh unbedingt spezielle Audioboxen“, sagte der Mann vom Hotel. „Yamaha NS 10 M“. Bekanntes Gerät, für hohe Ansprüche geeignet. „Wir sind kein Verleih“, sagte Kasten, „für wen sind sie denn?“ – „Das darf ich nicht sagen. Aber es sind wichtige Typen.“ Ach ja? Wichtige Typen hatte er auch in seinem Studio. „Sie treten nächste Woche in Berlin auf.“ – „In Berlin treten viele Leute auf.“ – „Aber nicht im Olympiastadion.“ Kasten begriff. Die Stones.

Der Studiobesitzer fuhr damals einen Kadett, Baujahr ’68, mit verstelltem Doppelvergaser und Zwischengasschaltung. Mit diesem Oldtimer röhrte er direkt vor den Haupteingang des „Four Seasons“, wimmelte einen aufgeregten Portier lässig ab („Ich bin mit Mick Jagger verabredet“) und schleppte seine Boxen in die Lounge. Eine Mittdreißigerin erwartete ihn, „the third assistant of Mr. Jagger“. Mr. Jagger war noch nicht da, die Boxen landeten in seiner Suite. Kasten wunderte sich immer noch, dass Jagger nur Boxen wollte und keine Anlage zum Abspielen. Eine Stunde später war Kastens Bedeutung für die Stones enorm gestiegen. Noch ein Anruf, diesmal war schon „the first assistant of Mr. Jagger“ dran. Mr. Jagger, inzwischen eingetroffen, sei „stinksauer“. Die Stars übermitteln ja den Hotels vorab bestimmte Wünsche, aber irgendetwas war falsch gelaufen. In Jaggers Zimmer stand nur ein Radiowecker. Vermutlich ein sündhaft teurer Radiowecker, extra für Mr. Jagger beschafft. Aber eben ein Wecker. Doch der Stones-Chef wollte nicht geweckt werden, er wollte Kassetten mit Liveaufnahmen abhören. Er benötigte einen Vorverstärker und eine Endstufe. Nun eben von Kasten.

Doch Kastens Vorverstärker im Studio war das Mischpult. Bestimmt nicht schwerer als 500 kg, aber halt doch, nun ja, eher unhandlich. Also baute er seine private Hifi-Anlage ab und röhrte wieder direkt vor den Hoteleingang. Er hatte nun erkennbar schon einen gewissen Status. Der Portier war überaus höflich („Sir, darf ich Ihr Auto in die Tiefgarage fahren?“ – „Ich glaube nicht, dass Sie dieses Auto fahren können“), und in der Lounge wartete die Nr. 1 der Jagger-Assistenten. Er führte Kasten in ein oberes Stockwerk. Der „first assistant“ klopfte an einer Tür, die „third assistant“ tauchte auf und klopfte an eine andere Tür. Diesmal traten ein muskulöser Mann und ein zappeldürres Wesen in Jeans und T-Shirt auf den Flur.

Der Dünne trat auf Kasten zu, streckte die Hand aus und sagte: „Hi, I’m Mick Jagger.“ „I’m Martin“, erwiderte Kasten. Er war nicht wirklich aufgeregt, aber andererseits, verdammt, es war Mick Jagger himself. Die Gruppe marschierte zu einer weiteren Tür. Mr. Jaggers Suite. Der Stones-Boss klemmte sich sich hinter einen Laptop, Kasten baute acht Meter entfernt seine Hi-Fi-Anlage auf. Und weil die nun ein bisschen anspruchsvoll ist, erklärte er dem Stones-Sänger noch mal kurz die Knöpfe. Ein weiterer Jagger-Assistent, Nummer unbekannt, regelte später das Finanzielle. 700 Mark, wie abgemacht.

Kasten holte mit einer Praktikantin seine Anlage ab, die Stones waren schon weg. Die Praktikantin war 19 und in Jaggers Suite plötzlich verschwunden. Kasten fand sie im Schlafzimmer, ehrfurchtsvoll das Bett betrachtend. Es war leer, aber es war das Bett von Mick Jagger. Kasten ist locker drauf, aber das war ihm doch peinlich. Also schob er sie sanft raus. Das, fand er, war er Mick Jagger schuldig. Doch die Zuneigung hat Grenzen. Das Konzert am Sonntag? Sollen sie doch spielen. „Das interessiert mich nicht.“

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