Berlin : Hideto Sotobayashi (Geb. 1929)

Der Lehrer zeichnete ein Benzolmolekül an die Tafel, da blitzte es

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Seine Erinnerungen hatte er früh in Form gebracht. Tagebucheinträge, in nüchternen Absätzen zusammengeschnürt, was sich nicht mehr rühren sollte. Ein Erinnerungsbewältigungskonzept, das gut funktionierte, meistens. So konnte er aus den Erinnerungen vorlesen, als gehörten sie nicht zu ihm. Leise, in gebrochenem Deutsch, der Raum so still, als stehe dort nur er selbst, zierlich und leicht gebeugt am Rednerpult.

Manchmal erhielt er nach einem seiner Vorträge Briefe. Besonders freute er sich über die von Schülern. Einer schrieb: „Ich bin sehr nachdenklich geworden. Warum machen Menschen so etwas?“

Hideto Sotobayashi war 15 Jahre alt und selbst ein Schüler, als er den Abwurf der Atombombe in Hiroshima überlebte.

Warum die Bombe gefallen war, warum ausgerechnet er überleben durfte, darüber konnte er lange Zeit kaum nachdenken. Und wenn doch, so durfte er zumindest niemandem davon erzählen. Mit den Überlebenden der Atombombenabwürfe, den Hibakusha, wollte in Japan niemand zu tun haben. Man fürchtete sich vor Ansteckung. Sein Bruder bat: Sag nichts, bevor meine Kinder verheiratet sind. Wer soll sie heiraten, wenn die Wahrheit über ihren Onkel bekannt ist? Sotobayashi schwieg 60 Jahre lang.

Bis zum 1. November 2007, seinem Geburtstag, dem Tag, an dem Paul Tibbets starb, der US-amerikanische Pilot des Flugzeugs, das die Bombe über Hiroshima abgeworfen hatte. An diesem Tag hielt er seinen ersten Vortrag.

Und versuchte fortan, aufzuholen, was er verpasst hatte. Er sagte: „Es ist dringend!“ Er warnte vor Atomwaffen, verstand nicht, warum die Nutzung von Atomenergie als legitim, nur die Waffen als bösartig angesehen wurden. Lernen die Menschen nichts aus Katastrophen?

Am Morgen des 6. August 1945, als die Bombe auf Hiroshima fiel, saß der Schüler Sotobayashi im Chemieunterricht, nur eineinhalb Kilometer entfernt von der Stelle, über der sie explodierte. Der Lehrer zeichnete gerade ein Benzolmolekül an die Tafel, da blitzte es. „So hell“, erzählte Sotobayashi später, „als wäre eine riesige Lampe eingeschaltet.“ Es donnerte, das Gebäude stürzte ein. Er grub sich heraus, befreite einen Freund. Um ihn herum Trümmer und Flammen.

Seine Eltern, der Vater Lehrer, die Mutter Hausfrau, hatten sich gewünscht, er möge Medizin studieren. Er konnte das nicht, nach Hiroshima schon gar nicht. „Ich kann kein Blut mehr sehen“, sagte er. Und dann lachte er. Sein Humor war trocken, man wusste manchmal nicht, wie darauf zu reagieren sei. Mitlachen?

Geboren wurde Hideto Sotobayashi am 1. November 1929 in Nagasaki, in Hiroshima wuchs er auf. „Sehen Sie“, sagte er, „erwischt hätte es mich so oder so.“ Am 9. August 1945 fiel die zweite Atombombe auf Nagasaki.

Es war der Tag, an dem seine Mutter starb. Vater und Sohn hatten sie nach dem Bombenabwurf in Hiroshima gesucht und schließlich in einem Krankenhaus gefunden, scheinbar unversehrt, doch unfähig, sich zu bewegen. Auf einem Fahrradanhänger brachten sie sie nach Hause, wo ihr die Haare ausfielen und ihr Zahnfleisch zu bluten begann. Nach drei Tagen war sie tot. Gemeinsam mit dem Vater zimmerte Sotobayashi ihr einen Sarg und verbrannte sie hinter dem Haus nach buddhistischem Ritual.

Seine Tränen schluckte er hinunter. Später dann, als er endlich über seine Erlebnisse sprach, waren Tränen nicht mehr angebracht. Inzwischen ging es ja weniger um ihn, sondern um alle, um Wichtigeres. „Ich spreche nicht als Japaner“, sagte er, „sondern als Mensch.“

Seine Zurückhaltung wich Eifer und Ungeduld. Zu seinen Vorträgen reiste er auch erschöpft und krank. Im vergangenen Sommer lag er mit Gelbsucht im Krankenhaus, verließ es nach zwei Wochen, zehn Kilo leichter, was ihn nicht weiter grämte. Wohl aber, dass er einen Vortrag an einer Schule hatte absagen müssen. Er wollte ihn so schnell wie möglich nachholen.

Immer an seiner Seite war seine Frau Astrid. Er war ihr sehr dankbar, dass sie ihn unterstützte. Aber im Grunde blieb ihr gar nichts anderes übrig.

Sie hatten sich in Berlin kennengelernt, im Jahr 1965. Er war Untermieter im Haus ihrer Familie nahe dem Botanischen Garten. Sie hatte den Krieg in Berlin erlebt, Fliegeralarm, Bomben, Trümmer. Die Kriegszeit verbindet, sagten sie.

Nach Berlin war Sotobayashi erstmals 1957 gekommen. Der Chemiker hatte ein zweijähriges Stipendium bekommen und arbeitete bei der Max- Planck-Gesellschaft. Für ihn war das ein Traum. Und Berlin, Dahlem insbesondere, ein wissenschaftliches Mekka. Deutschland bedeutete für ihn Mercedes, Bayer, Aspirin, die Reise war ein Abenteuer.

Nach seiner Rückkehr nach Japan erschien ihm die streng hierarchische Gesellschaft dort umso beengender. Er blieb nur ein paar Jahre. 1965 kam er wieder nach Berlin, jetzt als Assistent am Fritz-Haber-Institut. 1971 habilitierte er sich an der Technischen Universität.

Die physikalische Chemie war sein Fachgebiet, ausgerechnet. Er testete Materialien unter Röntgenstrahlung im Teilchenbeschleuniger „Bessy I“. In Berlin, der Stadt, in der Ende der dreißiger Jahre der Chemiker Otto Hahn und die Physikerin Lise Meitner die Kernspaltung entdeckt und damit die Grundlage geschaffen hatten für die Entwicklung der Atombombe. In den fünfziger Jahren lernte Sotobayashi Lise Meitner kennen. An eine Bombe habe sie damals nicht gedacht, sagte sie ihm.

Wissenschaft hielt er für notwendig und wichtig, Grundlagenforschung für ein Gebot der Neugierde. Dass die Menschheit mit ihren Errungenschaften verantwortungsbewusst umgehen könne, die Hoffnung verlor er nie.

Auch nicht, als in Japan im März des vergangenen Jahres nach dem Erdbeben und Tsunami die Reaktoren in Fukushima explodierten, per Fernsehen übertragen in alle Welt. In Berlin saß Hideto Sotobayashi, 81 Jahre alt, auf seinem Sofa im Wohnzimmer und sah zu.

Was die Aufnahmen in ihm auslösten, der die Bilder seiner eigenen Katastrophe so lange unter Verschluss gehalten hatte, darüber sprach er nicht. Stattdessen analysierte er die Lage. Er wurde zu Talkshows eingeladen, Zeitungen interviewten ihn. Er war schon ziemlich krank, aber er nahm so viele Termine wahr wie möglich. Er hatte etwas mitzuteilen: Der Mensch ist schuld an diesen Katastrophen; er hat sein Schicksal in der Hand.

Die Situation in Fukushima in den ersten Tagen erinnerte ihn an seine Jahrzehnte alte Erfahrung: Niemand wusste Genaues, offizielle Meldungen gab es kaum, was werden sollte, war unklar. Er sorgte sich. Seine Neffen leben in Tokio.

Eigene Kinder hatte er nicht. Das war so ziemlich alles, was Arbeitskollegen über sein Privatleben wussten. Dass er ein Überlebender von Hiroshima war, erfuhren sie erst, als er mit den Vorträgen begann. Die Mitarbeiter des Japanisch-Deutschen Zentrums Berlin waren ähnlich ahnungslos. Dessen Stiftungsrat hatte er 1985 mitgegründet. „Soto“ nannten sie ihn, ein höflicher Mann sei er gewesen, ernsthaft, nachdrücklich, engagiert. Zahllose Seminare und Veranstaltungsreihen initiierte er, die Reihe „Der Osten – der Westen“ zum Beispiel. Tagungen zu allen möglichen Themen: die Medizin in der japanischen und in der europäischen Kultur, Ethik im Zeitalter der Technologie.

Mit dem Verein „Hiroshima-Platz Potsdam“ engagierte er sich für ein Denkmal gegenüber der Villa, in der Harry S. Truman im Juli und August 1945 während der Potsdamer Konferenz wohnte. Am 25. Juli hatte er dort den Befehl zum Abwurf der Bombe erteilt. Nun liegen dort zwei Steine aus Hiroshima und Nagasaki. Anwohner waren gegen das Denkmal, sie hatten Angst vor der Strahlung. Den Wissenschaftler ärgerte derlei Ahnungslosigkeit; selbstverständlich waren die Steine untersucht worden und ungefährlich.

Für sein Engagement erhielt Hideto Sotobayashi im letzten September den Preis des japanischen Außenministers. Ein Empfang in der japanischen Botschaft, Sotobayashi dünn und klein, dankbar – und mahnend wie immer.

Damals, am 6. August 1945 in Hiroshima, wollte sich der Schüler Sotobayashi nach der Bombenexplosion auf die Suche nach seiner Mutter machen. Aber er durfte nicht. Zuerst musste er nach einem Freund suchen, so alt wie er selbst, der in jenen Tagen bei den Sotobayashis zu Besuch war. Um Freunde hatte man sich zuerst zu kümmern, so war das eben. Er fand ihn tot, treibend in einem Fluss. Auf der Treppe zum Fluss lagen viele Menschen. Alle tot, dachte Sotobayashi. Doch sie lebten, sie griffen nach ihm, flehten ihn an. Und er konnte nichts tun. Im Traum griffen die Hände noch oft nach ihm.

Am 28. Dezember ist Hideto Sotobayashi gestorben. Katja Reimann

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