Berlin : Hier denkt die Welt

Mehr als 100 kluge Köpfe wollen am runden Tisch die „wichtigsten Fragen unserer Zeit“ beantworten – am kommenden Sonnabend auf dem Bebelplatz

Kolja Reichert

So sieht heute eine Revolution aus: Sie wird von Medienmachern geplant, von einer Versicherung gesponsert, und als Schirmherr fungiert der deutsche Außenminister. Die Menschen hinter „Dropping Knowledge“ kennen sich mit Bildern aus. Ralf Schmerberg ist weltweit gefragter Werbefilmer, hat Spielfilme gedreht, gewann Auszeichnungen und räumte Millionen ab. Der 41-Jährige findet „Erfolg sexy“. Aber er ist Künstler geblieben. Und will nun mit seiner Kunst die Welt verändern: Menschen sollen wieder Fragen stellen. Deshalb hat Schmerberg befreundete Filmemacher, Designer und Programmierer zusammengeholt, um eine Wissensplattform im Internet zu errichten, in der über alle kulturellen und ideologischen Grenzen hinweg über soziale Themen diskutiert werden kann. Jeder kann fragen, jeder antworten. Das Motto von „Dropping Knowledge“: „Turn apathy into activity“ – Apathie in Aktivität verwandeln.

Schmerberg hat in den USA gearbeitet, während mediale Feldzüge den Irakkrieg vorbereiteten, und war entsetzt, welche Macht die Politik über Individuen ausüben kann. „Je apathischer sich eine Gesellschaft von Verantwortung abkoppelt“, sagt er, „umso mehr kann sich Politik organisieren.“ Schmerberg glaubt an die Kraft des Einzelnen. „Es gibt kein dumm und kein schlau, jeder hat in sich was Kostbares, um Probleme zu lösen.“

Er sieht eine Welt ohne Gegensätze. Seine Welt ist rund.Wie der Tisch, an den er sie setzen will. 112 Intellektuelle, Künstler und Aktivisten werden sich am nächsten Sonnabend, 11 und 13 Uhr, aus allen Himmelsrichtungen auf dem Bebelplatz einfinden, um an einer Tafelrunde, des „First Table of Free Voices“, die 100 „wichtigsten Fragen unserer Zeit“ zu beantworten. Die Fragen wurden auf der Website von „Dropping Knowledge“ gesammelt und ausgewählt. Jeder wird seine Antwort gleichzeitig in eine Videokamera sprechen. Schauspieler Willem Dafoe ist geladen, Künstler Jonathan Meese, chinesische Menschenrechtler, Unternehmensberater Roland Berger.

Schmerberg, T-Shirt, tiefsitzende Jeans, Dreitagebart, ist ein Kind der Achtziger. „Ich bin im ‚Anti’ aufgewachsen“, erzählt er in gemütlichem Schwäbisch. „Wir haben immer versucht, etwas zu verhindern statt etwas zu schaffen.“ Inzwischen scheinen die Fronten gelockert. „Man kann heute auch mit einem Konzernchef über Umweltverschmutzung reden, ohne als linker Spinner abgetan zu werden.“ Nur die Probleme sind größer geworden. Deshalb sucht Schmerberg nach „Schnittstellen, an denen Begegnung möglich ist“.

Hier soll er wirklich werden, der Traum vom so genannten Web 2.0, von der Internetdemokratie, in der Wissen unter allen geteilt wird und jeder eine Stimme hat.

Wenn Schmerberg durch die Räume von „Dropping Knowledge“ führt, fühlt man sich wie Neo im Verschwörungsfilm „Matrix“, der zum ersten Mal die „Nebukadnezar“, das Raumschiff der Widerstandskämpfer, betritt. Überall sitzen gut gelaunte Menschen zwischen 25 und 40 an Laptops. „Hier ist die Programmierer-Unit“, erklärt Schmerberg und stellt einen jungen Amerikaner vor, der die Aufzeichnungstechnik für den runden Tisch programmiert: „Evan Schechtman aus New York.“ Schechtman lacht bestätigend. „Und das hier ist James Jenkins. James, bist du auch aus New York?“ „No“, sagt James, „I’m from London.“

In dem Gebäude in Mitte war früher ein Kindergarten untergebracht. Über den Terrassen stehen in geschwungener Schreibschrift Sprüche wie: „Don’t push yourself too much“ – setze dich nicht zu sehr unter Druck. Eigentlich hat Schmerberg hier seine Produktionsfirma. „Wir waren mal zehn Leute, jetzt sind wir 60.“ New-Economy-Gewinner, Forscher, Kulturschaffende, alle mit Lohn und Arbeitsvertrag. Und eine 60-Jährige, die aus London kam, weil sie unbedingt helfen wollte. Sie steht in der Küche, kocht für alle.

Immer wieder kommen junge Frauen und halten Schmerberg ein Telefon hin oder rufen ihm Nachrichten zu. „Du, Ralf, der Pyrotechniker ist da“, heißt es zum Beispiel, „wir machen jetzt den Rauchtest.“ „Rauchtest, toll. Ich komme.“

Das Signal des „Table of Free Voices“ soll nicht in der Luft verpuffen. Die Aufzeichnungen sollen ins Netz gestellt werden. Schmerberg wird einen Dokumentarfilm über das Ereignis in die Kinos bringen.

Eine Stimmung friedlicher Umwälzung liegt in der Luft. Andreas Laeufer, Leiter der „Plattform-Unit“, erklärt das Herzstück des Unternehmens, die Website: „Der Inhalt ist trocken, deshalb ist das Visuelle sehr wichtig.“ Laeufer war Art Director in Werbeagenturen, hat in London das Design-Magazin „Tank“ gegründet. In der Kantine sitzt Hans Uszkoreit, der mit Vollbart und Anzug aus dem Sportsakko-Chic herausfällt. Er ist eigentlich Wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz. Nun stellt er sein Wissen für die Programmierung des Website-Archivs zur Verfügung. Bei dieser Revolution dürfen alle mitmachen, auch das Großkapital. Die Sponsoren erscheinen nirgends mit Logo, alles, was sie bekommen, sei „Know-how“. Nicht nur Hilfsorganisationen sollen von den neuen Kommunikationsstrategien profitieren.

Ob es so einfach geht? Ob sich Umweltprobleme, Hunger und Ausbeutung bekämpfen lassen, indem man Herrschaftsverhältnisse ignoriert und die ganze Welt an den runden Tisch lädt? Zunächst ist „Dropping Knowledge“ eine gigantische Inszenierung, die sich im Reich der Träume abspielt und ihren Zauber aus Bildern schöpft. Diese Revolution ist geplant wie eine PR-Aktion, mit der Lässigkeit von Computerspielern. „Es gibt 25 000 Probleme“, sagt Schmerberg. „Die tun wir in unsere Plattform rein.“ Die Grenzen, die hier als Erstes fallen, sind die zwischen virtuellem Raum und Realität.

Informationen im Internet unter www.droppingknowledge.org

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