Berlin : Hier ging es drunter und drüber

Der alte Admiralspalast an der Friedrichstraße mit seinem Metropol-Theater gehört zu den traditionsreichsten Kulturstätten der Stadt. Die legendären Haller-Girls schwenkten zu „Berlin bleibt doch Berlin“ die langen Beine, und auch die DDR-Muse feierte Triumphe

Andreas Conrad,Frederik Hanssen

Von Andreas Conrad

und Frederik Hanssen

Die Frage der Berliner Nationalhymne ist ja nun seit langem entschieden, nicht zuletzt durch die alljährliche Aufführung beim Waldbühnenkonzert der Philharmoniker: Paul Linckes Lob der „Berliner Luft“ aus seiner „Frau Luna“, zum ersten Mal zu hören 1899 im „Apollo“ in der Friedrichstraße. Aber die Entscheidung der Berliner war keineswegs selbstverständlich. Gut zwei Jahrzehnte später, mitten in den Goldenen Zwanziger, die noch immer als glamouröser Leitstern für die Gegenwart herhalten müssen, gab es plötzlich eine echte Alternative, und wenn sie es auch nicht zur obersten Metropolenmelodie gebracht hat – für einen gern gehörten Evergreen reichte es allemal: „Solang noch Untern Linden die alten Bäume blühn, kann nichts uns überwinden, Berlin bleibt doch Berlin“. Das stammt aus der Revue „Drunter und drüber“, 1923 uraufgeführt im Admiralspalast an der Friedrichstraße. Geschrieben hat die flotte Weise der Komponist Walter Kollo, und mit ihm und seinem Chef Hermann Haller ist zugleich das wohl erfolgreichste Doppel benannt, das in dem traditionsreichen Haus je das Sagen hatte.

Dessen Geschichte als Ort der Vergnügungen begann 1873, als man dort auf eine Solquelle stieß und das Admirals-Gartenbad eröffnete. Das Etablissement gedieh und wucherte, wurde 1910 zum Berliner Eispalast, mit Eis- und Kegelbahnen, einem Kino und nach wie vor Baderäumen. Ein Jahr später schien für den Baukomplex nur noch der imposante Name Admiralspalast angemessen.

1923 war es Schluss mit der Baderei, aber das Programm blieb doch körperbetont: Hermann Haller stieg ein, eröffnete ein Revue-Theater, dessen erstes Stück im September 1923 gleich den erwähnten Hit zum Mitträllern bot. Legendär sind noch immer die Haller-Girls, Damen von ausgesuchtem Wuchs, den sie beispielsweise in einem der Quadriga nachempfundenen Szenenbild gleich dutzendfach ins rechte Licht zu setzen wussten. Pro Jahr folgte eine Revue, bis Haller 1930 zur Operette wechselte und ein Jahr später an den Rotter-Konzern verkaufte. Weitere Operettenjahre folgten, mit Stars wie Gitta Alpar, Theo Lingen und Käthe Dorsch. 1933 erfolgte der Zusammenbruch, erst nach zweijährigem Leerstand gab es unter dem Kapellmeister Walter Hochtritt eine erneute Chance für die leichte Muse.

Nach dem Krieg machte das Haus zunächst Hochkulturkarriere: Als einer der wenigen intakten Säle diente es der Berliner Staatsoper ab August 1945 als Spielstätte, bis deren Musentempel Unter den Linden 1955 wieder hergerichtet war. Im April 1946 fand hier der Vereinigungsparteitag der SPD und KPD statt, bei dem die SED gegründet wurde. Ansonsten ging es im Admiralspalast eher unpolitisch zu. 1955 zog das Ensemble des Metropol-Theaters an der Friedrichstraße ein. Für das heimatlos gewordene Operettentheater, das bis dahin im Colosseum-Kino gespielt hatte, ein Glücksfall: Eine Rückkehr ins Stammhaus in der Behrenstraße war unmöglich, weil hier die von Walter Felsenstein neu gegründete Komische Oper residierte.

In den Fünfzigern bot das Metropol-Theater mit seinem Ensemble von Solisten, Chor, Ballett und Orchester sowie eigenen Dekorations- und Kostümwerkstätten einen reichen Repertoire-Spielplan, der pro Spielzeit bis zu zwölf verschiedene Inszenierungen präsentierte. Dabei legte die DDR-Kulturpolitik großen Wert darauf, dass neben klassischen, wegen ihres bourgeoisen Charakters nicht gerade sozialismustauglichen Operetten auch eigene Uraufführungen die Fortschrittlichkeit der Institution unter Beweis stellten: Einen internationalen Erfolg errang Gerd Natschinskis 1964 mit „Mein Freund Bunbury“ nach Oscar Wilde. Guido Massanetz lieferte seinen Beitrag zur Geschichte der DDR-Unterhaltungsmusik mit „In Frisco ist der Teufel los“. Während der Musical-Klassiker „Porgy and Bess“ als DDR-Erstaufführung an der Komischen Oper herauskam, konnte das Metropol-Theater später mit Broadway-Hits wie „My Fair Lady“, „Cabaret“, „Hallo, Dolly!“ oder „West Side Story“ punkten. Nach der Wende verlor das Haus einen Großteil seines Publikums. Darum erschien die Ernennung des Startenors René Kollo zum Intendanten im Sommer 1996 der Belegschaft als Rettung. Das Gegenteil trat ein: Bereits zwölf Monate später musste das in eine GmbH umgewandelte Theater Konkurs anmelden. Warum es der Senat unterließ, das Operettentheater zu retten, ist bis heute ungeklärt. Mehr als ein Dutzend mal kündigte der damalige Kultursenator Peter Radunski zwar die Wiedereröffnung an – doch der Vorhang blieb zu und alle Fragen offen. Bis heute.

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