Berlin : „Hier ist enorm viel Druck im Kessel“

Joachim Zeller, CDU-Landeschef und Bürgermeister von Mitte, über mögliche Konsequenzen mangelnder Integrationsbereitschaft

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In einigen Innenstadtbezirken sind Spannungen zwischen Bewohnergruppen unterschiedlicher Herkunft normal geworden. Sozialforscher des Zentrums Demokratische Kultur haben in einer Studie über KreuzbergFriedrichshain massive Gegensätze zwischen deutschstämmigen Bewohnern und Migranten dargestellt. Sie fanden spürbare und sichtbare Ausländerfeindlichkeit und Radikalisierungstendenzen unter Migranten. Joachim Zeller, Bürgermeister von Mitte und Vorsitzender der Berliner CDU, hat eine solche Studie für Mitte in Auftrag gegeben.

Herr Zeller, warum soll das Zentrum Demokratische Kultur nun in Ihrem Bezirk forschen?

Weil die gleichen Phänomene auch in Mitte festzustellen sind, vor allem in Moabit, Gesundbrunnen und Wedding.

Welche Hinweise haben Sie?

Nicht nur die Studie „Bärenstark“ über die Sprachkenntnisse von Schülern, auch Erkenntnisse in den Kindertagesstätten und Berichte von Erziehern, Lehrern und Sozialarbeitern zeigen uns, dass sich die Milieus immer weiter in sich selbst zurückziehen. Die Integration der Nachfolgegenerationen der Migranten kann in vielen Fällen als gescheitert angesehen werden.

In Friedrichshain und Kreuzberg schlagen angeblich Jugendliche öfter zu als früher, auch Mädchengruppen prügeln sich. Haben sich die Umgangsformen in Mitte ebenfalls zum Schlechten verändert?

Auch hier ist die Gewaltbereitschaft besonders der Jugendgruppen größer geworden. Es gibt die Tendenz, den Wohnblock, den engeren Kiez als die Heimat anzusehen, die es gegen andere zu verteidigen gilt. Dagegen wird ein Ausflug in andere Teile der Stadt wie ein Ausflug in eine fremde Umgebung gesehen.

Gibt es besonders problematische ethnische Gruppen, oder sind es die bekannten Konstellationen - Deutsche gegen Türken, Türken gegen Araber?

Deutsch-Nichtdeutsch ist oft auch ein Generationenproblem. In vielen dieser Stadtteile stammt die Jugend mehrheitlich aus Migrantenfamilien, während die ältere Bevölkerung deutsch ist. Durch gegenseitige Fremdheit entstehen Konflikte. Außerdem gibt es Konflikte zwischen den ethnischen Gruppen, insbesondere zwischen türkischen und arabischen Gruppen und zwischen diesen und Gruppen, die aus Südosteuropa stammen, beziehungsweise aus den Staaten der Ex-Sowjetunion.

Wie verhält es sich mit den radikalen Kräften innerhalb der islamischen Bevölkerung?

Wir haben mehr als 20 Moscheevereine im Bezirk, die eine rege Tätigkeit entfalten. Kontakte zu staatlichen Institutionen gab es bislang kaum, wie mir meine Besuche der Moscheevereine gezeigt haben. Einige scheinen islamistische Tendenzen zu fördern.

Woran liegt es, dass die Integrationsbereitschaft nachgelassen hat - und was kann man dagegen tun?

Bislang haben viele geglaubt, die Integration komme von allein. Das Gegenteil ist der Fall - wenn wir unter Integration die Teilhabe an der Kultur und am Leben der Mehrheitsgesellschaft verstehen. Dafür gibt es viele Gründe, ein gewichtiger ist sicher die hohe Arbeitslosigkeit in Bevölkerungsgruppen nichtdeutscher Herkunft. Viele Jugendliche haben wegen mangelnder Sprachkenntnisse schlechte schulische und berufliche Bildungsergebnisse, damit auch schlechte Voraussetzungen für das weitere Erwerbsleben. Ein weiteres Phänomen: Immer mehr hier lebende Migranten schließen Ehen mit Frauen oder Männern aus ihren Herkunftsländern. Die hier geborenen Kinder werden dann in der Sprache des Herkunftslandes aufgezogen. Die neu zugezogenen Ehepartner finden kaum oder gar keinen Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft, wenn es in ihren Wohnvierteln bereits eine spezifische Migrantenkultur gibt oder anders gesagt: parallelgesellschaftliche Strukturen. Wir dürfen diese Dinge nicht länger auf sich beruhen lassen: Die Regelung der Zuwanderung tut Not, und für hier lebende Migranten muss der Erwerb der deutschen Sprache verpflichtend werden. Bundesregierung und Senat sind in der Pflicht. Kommunen und Bezirke sind damit überfordert.

Sind Teile der einheimischen Bewohnerschaft von Mitte ausländerfeindlich?

Nicht offen, aber es gibt enorm viel Druck im Kessel. Das äußert sich in bestimmten Gebieten durch zunehmende Staatsverdrossenheit. Selbst das vermittelnde Angebot der Quartiersmanager wird nicht mehr akzeptiert. Die hören dann: Da versucht der Staat wieder, Placebos zu verteilen.

In Teilen der Kreuzberger Migrantenszene gibt es einen radikale Intoleranz gegenüber bestimmten Gruppen. Es gibt die Verachtung von Frauen oder von Homosexuellen. Gibt es überhaupt noch so etwas wie einen Werte-Konsens in den Problemgebieten?

Es gibt unter Jugendlichen eine große Desorientierung. Da, wo Anknüpfungspunkte an eine Wertorientierung nicht gegeben sind, entsteht ein eigener Wertekonsens. Dessen Inhalt ist meistens Gruppenzusammenhalt nach innen und eine sinkende Hemmschwelle für Gewaltanwendung nach außen .

Mit Joachim Zeller sprach Werner van Bebber

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