Berlin : „Hier ist Party, Papa“

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Deutschland gewinnt, so viel steht für Oliver Fröhlich schon vor dem Anpfiff fest. „2:0 oder 3:0, auf jeden Fall ein deutlicher Sieg.“ Er muss es wissen. „Bisher habe ich immer richtig getippt.“ Und weil es im Spiel gegen Kamerun für die deutsche Elf um alles oder nichts geht, hält der 23-Jährige mit seinen Freunden Tim, Martin und Ricky im Café Alex im Sony Center schon am frühen Vormittag einen Tisch mit Aussicht auf die Großbildleinwand besetzt. Die Berufsschule hat der angehende Versicherungskaufmann geschwänzt: „Heute ist Ausnahmezustand“, sagt Oli und das heißt: „Seit 8:30 Uhr saufen wir hier.“

Entsprechend ausgelassen ist die Stimmung unter den Freunden. Die Wangen schwarz-rot-gold bemalt und in Deutschlandfahnen gehüllt, trinkt sich die Runde in Laune. Das wirkt offenbar einladend. Mike aus Nigeria hat sich hinzugesellt. Der Schwarzafrikaner hat glaubhaft versichert, seine Daumen ebenfalls für Deutschland zu drücken. Nur Ricky muss sich eine Stunde vor dem Spiel eine Auszeit nehmen, der Alkohol fordert seinen Tribut. Auf einer Baustelle neben dem Sony-Center hat er eine Mütze Schlaf genommen. Nur mit Glück gelingt es ihm, wieder in den Innenhof zurückzukehren. Hunderte Fans warten vergeblich auf Einlass hinter den Absperrungen.

„Hier ist Party, Papa“, schreit Oliver in sein Mobiltelefon. Eine letzte Wette wird abgeschlossen, Papa Fröhlich tippt auf Unentschieden, Oliver auf Sieg. Einsatz fünf Euro, Oliver glaubt sie sicher in der Tasche zu haben. Beim gemeinsamen Absingen der Nationalhymne macht sich der Alkohol auch bei Oliver und Tim bemerkbar. „…blühe deutsches Vaterland“, klingt es asynchron aus den Kehlen der beiden Fans. Dann werden die Töne rauer. „Verräter“, brüllt Oliver, als die Löwenmähne von Winnie Schäfer, deutscher Nationaltrainer von Kamerun, auf dem Bildschirm erscheint.

Dann wird es ernst: Mühsam läuft das Spiel an, die deutsche Elf kann mehrere gute Chancen nicht verwandeln. Als Torwart Oliver Kahn in der 13. Minute den Ball mit einiger Not kurz vor der Torlinie halten kann, fällt Oliver Fröhlich beinahe die Tröte aus dem Mund: „Das war knapp.“ Erleichtert stimmt Oli zur Melodie von „Flipper“ ein Oli-Oli-Oliver-Kahn-Lied an.

Die Freude hält nur kurz. Die Großzügigkeit des spanischen Schiedsrichters bei der Verteilung von Gelben Karten und der Platzverweis von Carsten Ramelow stellen Olivers Nerven auf eine harte Probe: „Was ist das denn für ein Scheiß. Der gibt ja schon Gelb für einmal tief Luft holen.“ Oliver versteht die Welt nicht mehr.

Doch die zweite Halbzeit versöhnt ihn. „Wir kommen ins Achtelfinale“, ist er sich sicher, nachdem Marco Bode in der 50. Minute die Nerven mit dem ersten Tor beruhigt. Und als Miroslav Klose das Spiel in der 79. Minute mit dem 2:0 entscheidet, ist für Oliver Fröhlich klar: „Jetzt werden wir Weltmeister.“ Die Freunde ziehen zum Ku’damm, um „ihren“ Sieg zu feiern. Stephan Wiehler

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