• Hier kann sich jeder alles leisten – ohne Geld Der Kreuzberger Tauschring hat die erste Million umgesetzt

Berlin : Hier kann sich jeder alles leisten – ohne Geld Der Kreuzberger Tauschring hat die erste Million umgesetzt

Wolf-Rüdiger Neurath[ddp]

Kreuzberg wird Millionär, allerdings in einer fiktiven Währung. Mit einem „Jubiläums- Tauschrausch“ feiert der Kreuzberger Tauschring am 23. März sein achtjähriges Bestehen. Seit der Gründung wurden für über eine Million Kreuzer Dienstleistungen und Waren getauscht, wie Mitgründerin Klara Brendle sagte. Die Idee hat bundesweit Schule gemacht; inzwischen gibt es 230 Tauschringe mit mehr als 20000 Mitgliedern. Allein in Berlin existieren bereits 24 derartige Netzwerke (siehe www.tauschring-berlin.de)

Im Kreuzberger Tauschring ist fast alles zu haben. Ein Chauffeur samt Vehikel ist ebenso im Angebot wie ein Haarschnitt, Shiatsu-Massagen, handgeschnitzte Puppen, Äpfel aus dem eigenen Garten oder eine Hypnose-Therapie. „Hier können sich alle alles leisten“, betont Brendle. Bezahlt wird nicht in Euro, sondern in Kreuzern, der internen Währung des Tauschrings.

Der Tauschring startete vor acht Jahren klein unter dem Motto: „Ohne Moos geht’s los“. Für eine Stunde Arbeit gibt es 20 Kreuzer – egal welche Tätigkeit ausgeübt wird. Die 300 Tauschring-Mitglieder setzen ihre eigenen Fähigkeiten ein, um sich Nützliches oder auch einmal ein bisschen Luxus leisten zu können. Inzwischen haben auch unter den Sparzwängen des Senats leidende Vereine die Vorteile der Kreuzberger Tauschbörse schätzen gelernt. Dort können sie zusätzliche Ressourcen mobilisieren. Sie erhalten Unterstützung bei ihrer Öffentlichkeitsarbeit, bei der Renovierung oder bei Veranstaltungen. Im Gegenzug gibt es beispielsweise die Eintrittskarte für ein Konzert schon für einen Euro.

„Wir sind eine Solidargemeinschaft geworden, mit eigenem sozialem Sicherungssystem“, sagt Brendle stolz. Über ein Solidar- und Zukunftskonto werden in Not geratene Tauschringmitglieder unterstützt, Ältere und Kranke erhalten Hilfe, wenn sie nicht mehr selbst aktiv mitmachen können. Brendle berichtet: „Genau so wichtig wie der wirtschaftliche Aspekt ist inzwischen der soziale geworden.“ Seinen Sitz hat der Kreuzberger Tauschring im Nachbarschaftshaus Urbanstraße. Geschäftsführer Wolfgang Hahn ist selbst überrascht von dem Erfolg. „Dass der Tauschring als rein ehrenamtlich organisiertes Projekt zu so einer beständigen Institution in unserem Haus wurde, wird von uns außerordentlich begrüßt“, sagt er. Das sei so nicht zu erwarten gewesen.

Brendle weiß sehr wohl, was ihr Netzwerk an dem Nachbarschafthaus hat. Und wenn sie sagt: „Diese Form bürgerschaftlichen Engagements ist aber auch nur möglich, wenn solche Institutionen weiterhin den Raum für diese Art Initiativen bieten können“, dann schwingt darin auch ein wenig die Sorge mit, dass dem Nachbarschaftshaus der Geldhahn zugedreht werden könnte.

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