Berlin : Hier spielt die Musik

Berlin ist weltoffene Metropole, nicht nur durch die Love Parade

Matthias Oloew

Sie kamen zu Hunderttausenden. Trotz allem. 500000 Raver und Zuschauer besuchten die 15. Love Parade in Berlin: Obwohl den Veranstaltern und damit der Veranstaltung zeitweilig die Pleite drohte. Sie kamen, obwohl lange klar war, dass längst nicht mehr so viele Clubs wie früher sich einen eigenen Liebes-Laster würden leisten können. Und sie kamen, obwohl die meisten genau wussten, was sie erwartet. Das zeigt: Die Anziehungskraft der Love Parade ist gebremst, aber nicht gebrochen. Sie ist es auch deshalb nicht, weil die Anziehungskraft Berlins als Stadt ungebrochen ist.

Die Love Parade und Berlin gehören zusammen. Nur Berlin bietet ihr den notwendigen Rahmen. Nur Berlin hat die Infrastruktur an Clubs und Bars, an Hostels und Cafés, wo die Heerscharen von Liebesparadierer ausgehen können und es auch wollen. Kurzum: Nur Berlin hat die richtige Größe für Techno.

Also darf jetzt endlich Schluss sein mit dem jahrelangen Gezänk um die Parade an sich. Und es muss Schluss sein mit der gekränkten Eitelkeit der in die Jahre gekommenen Macher. So wie Berlin begriffen hat, dass die Love Parade wichtig ist, so müssen DJ Dr. Motte und die Seinen begreifen, dass ihre arroganten Zickigkeiten niemand mehr Ernst nimmt. Stattdessen müssen alle nach vorne schauen und sich Gedanken machen: Wie kann die Love Parade modernisiert werden, ohne dass ihr Charakter verloren geht? Mit der Love Parade ist es wie mit den Hitparaden – es muss die Musik bestimmend sein, die von den Jungen gehört und auch gekauft wird. Tourismus-Werber und neuerdings auch Senatsmitglieder sagen: Die Love Parade muss sich verändern, damit sie bleibt, was sie ist – die größte Jugend-Musikveranstaltung der Welt nämlich.

Genau darum geht es. Das ist ein Aushängeschild, das die Stadt ziert. Es sagt: Seht her, die internationale Jugend feiert bei uns friedlich zusammen, die ach, so steifen Deutschen können noch etwas anderes als Militärparaden zu organisieren. Da ist die Love Parade genau so wichtig wie der Christopher Street Day oder der Karneval der Kulturen. Letzterer hat der Love Parade, zumindest was die Besucherzahlen angeht, inzwischen den Rang abgelaufen. Alle drei großen Sommer-Spektakel liefern die Bilder, die eine Stadt international interessant machen: wir sind jung, wir sind tolerant, sind fröhlich statt preußisch-steif. Das ist zunächst vor allem für Touristen interessant, wächst sich aber immer mehr zu einem weichen Standortfaktor aus. Eine Stadt, die so lebendig, so vielfältig ist, kann nur gut sein für meinen Betrieb oder meinen Verband. Firmen wie die Plattenlabel Universal und Sony, aber auch die Deutschlandzentrale von Coca-Cola oder die des Musiksenders MTV haben entsprechend entschieden, sind nach Berlin gezogen oder sitzen auf gepackten Koffern.

Damit Berlin als lebendige Stadt in den Köpfen bleibt, muss es weiter gehen. Deshalb ist es richtig, wenn der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit als erstes Stadtoberhaupt weltweit persönlich in den Ring steigt, um die Gay Games 2010 nach Berlin zu holen. Und es ist konsequent, wenn die Stadt um möglichst viele Sport-Ereignisse konkurriert. Dabei ist es zweitrangig, ob die Stadt an den jeweiligen Ereignissen sofort verdient. Auch bei der Love Parade bleiben längst nicht mehr die 100 Millionen Euro in der Stadt, die in fetten Jahren in den Kassen klingelten. Was zählt, ist das Image, das sich weiter transportiert. Wenn Berlin schon nicht mit boomenden Industriebetrieben glänzen, mit einem internationalen Flughafen als Tor zur Welt werben kann, dann hat Berlin mehr als nur die Nase vorn, um als weltoffene, angesagte und aktive Metropole zu gelten. Berlin muss alles tun, dass es über diese Stadt heißt: aufregend, innovativ und lebendig.

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