• Hier wird Patienten auch in sozialer Notlage geholfen und der Doktor spielt mit den Nachbarjungen schon mal Fußball

Berlin : Hier wird Patienten auch in sozialer Notlage geholfen und der Doktor spielt mit den Nachbarjungen schon mal Fußball

Bernhard Koch

Weil die streng islamisch erzogene 16-jährige Kreuzbergerin ihren Freund nicht im Café oder sonstwo treffen durfte, ging sie nach der Schule zum Doktor. "Die Mutter hatte Angst, ihre Tochter könnte in Kontakt mit Drogen kommen", sagt Arzthelferin Sevgi Aktas, die gut vertraut mit den Familienverhältnissen der türkischen Patienten ist. Dem Mädchen in Liebesnot wurde geholfen, das Rendezvous fand im Wartezimmer statt. Unter den Augen von Aktas durften die Verliebten dort "Bravo" lesen und vielleicht auch Händchen halten. Zu Hause musste das Mädchen nicht lügen, der Arzt-Besuch war eine überzeugende Entschuldigung fürs Zuspätkommen.

Wenn Krankenkassen soziale Arbeit vergüten würden, gehörte Hans Walter Römer vermutlich zu den wohlhabenden Ärzten der Stadt. In die Kreuzberger Praxis des 45-jährigen Allgemeinmediziners nahe dem Kottbusser Tor kommen Menschen, die mehr brauchen als eine "Lungenfunktionsprüfung", Pillen oder Salben. Bewerbungs-Tipps gehören dazu, auch einmal Hilfe beim Ausfüllen des Auto-Versicherungsantrags, der Apothekengang für den gehbehinderten Opa oder der Anruf in Kanada, damit sich die dort wohnende Tochter um den allein lebenden Pflegepatienten kümmert. Im Akutfall verarztet werden auch Kranke, die nicht versichert sind.

"Wir sind eine stinknormale Praxis", betont Römer, der Kiez drumherum ist dies jedoch nicht. Höchste Arbeitslosen- und Sozialhilfezahlen, Drogenszene, Kriminalität, aus Polizeisicht ein "gefährlicher Ort". Sevgi Aktas und ihre Helferinnen-Kollegin Astrid Becker widersprechen: "Die Leute sind nicht böse, hier passiert nichts an Autos. In Tiergarten oder Wedding ist es viel schlimmer." Praxischef Römer, seit zehn Jahren in der Dresdener Straße niedergelassen, spricht von fast dörflichen Strukturen: "Man kennt sich." Zur Nachbarschaftshilfe zählt auch die Warnung vor der Obrigkeit: Bevor beispielsweise Parksünder aufgeschrieben werden, wissen potenzielle Opfer in der Praxis Bescheid.

Abends in der Kneipe trifft der Doktor mitunter seine Patienten, und es komme vor, "dass ich sie beim nächsten Termin in der Praxis daran erinnere, doch im eigenen Interesse endlich auf Schnaps zu verzichten." Die Beziehung auch zu den deutschen Patienten sind oft familiär, so Römer, "viele wollen, dass ich sie duze". Im Sommer, auch dies eine Kreuzberger Geschichte, spielt der Facharzt für Allgemeinmedizin schon mal mit jungen Burschen auf der Straße Fußball. Das geht, da die Dresdener Straße vor der Praxis eine wenig befahrene Einbahnstraße ist.

Ohne Sorgen ist das Römer-Team indes natürlich nicht. Die chronische Honorarkrise der Kassenärzte drückt hier in Kreuzberg besonders. Es gibt kaum Privatpatienten, mit denen Kollegen in Zehlendorf und in anderen besser situierten Bezirken Verluste bei der Kassenkundschaft ausgleichen. Der AOK-Anteil unter Römers Patienten ist dagegen weit überdurchschnittlich - und die Ortskrankenkasse zahlt geringere Vergütungspauschalen als die Ersatzkassen. Römer hat aber das Glück vergleichsweise niedriger Betriebskosten. Die Miete ist bezahlbar, bei Möbeln wird gespart: "Ich kann mich noch über Wasser halten."

Angst hat der Doktor jedoch vor drohender Kollektivhaftung aller Kassenärzte bei Überschreiten des Arzneimittelbudgets. Römer verordnet schon seit langer Zeit nur das wirklich Nötige und achtet auf Wirtschaftlichkeit: "Sippenhaft ist absurd". Leider gebe es Kollegen, die weiter recht großzügig Wunschrezepte ausstellten. Mancher Arzt versuche so, Patienten zu halten und verschaffe sich auf Kosten von Kollegen Marktvorteile. Viele Medikamente, so die Erfahrung des Kreuzberger Hausarztes, landeten am Ende auf dem Müll oder verstopften prall gefüllte heimische Arzneischränke. Keine Seltenheit sei es zudem, dass die im Ausland lebende Großfamilie versorgt werde. Römer plädiert für eine "Positivliste" von auf Kassenkosten verschreibungsfähigen Medikamenten. Dies will Gesundheitsministerin Andrea Fischer auch, Pharmafirmen jedoch bereiten Klagen gegen "Listenmedizin" bereits vor.

Aus Kreuzberg weggehen? Aufhören? Das komme nicht in Frage, betont Römer. Er mag die "ehrlichen Menschen" hier und habe Spaß an der Arbeit. Eine Alternative gebe es auch gar nicht: "Ich kann nur Arzt."

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