Berlin : Hier wohnt Berlin

Aufbruch und Resignation, Firmengründung oder Hartz IV – Bewohner der Stralauer Allee 17 erzählen von ihrem Leben. Von Martha May und OliverWolff (Fotos)

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Die Menschen, die vor ihrem Haus stehen, haben eines gemeinsam: wenig Geld. Sie bekommen Arbeitslosengeld II, Einstiegsgeld für Gründer oder verdienen trotz harter Arbeit nicht mehr als 938 Euro im Monat, das ist die offizielle Armutsgrenze in Deutschland. Aufstreben und Niedergang, Resignation und Hoffnung liegen an der Stralauer Allee in Friedrichshain dicht beieinander – symptomatisch für eine Stadt, die mit 16 Prozent Arbeitslosen weit über dem Bundesdurchschnitt liegt, für Kreative, Kunstschaffende und Lebenskünstler aber ohne Alternative ist. Eine Stadt, die bei der Debatte über Unterschicht und die ungeschützt Arbeitenden ihren Beitrag leisten kann, aber zugleich unermüdlich Ich-AGs und Kleingründer ausspeit und wieder verschlingt. Im vergangenen Jahr wurden 6161 Ich-AGs in Berlin bewilligt, im selben Jahr haben 6680 wieder aufgehört.

Doch das sind Zahlen. Dahinter verbergen sich Menschen und ihre Schicksale. Ein Blick hinter eine der letzten dunklen Fassaden der Stralauer Allee (36 Mietparteien auf vier Etagen in Vorderhaus, Seitenflügel, Hinterhaus) verrät: Ja, es gibt sie, die Resignierten, deren Türen verschlossen bleiben. Die, die abgeschlossen haben und nichts erzählen wollen von ihrem Leben. Es gibt aber auch die anderen – die, die nicht aufgeben:

Die Punker-WG, die Hartz IV nicht nur für Zigaretten und Bier, sondern auch für Schulbücher ausgibt – in der Hoffnung auf einen Abschluss, eine Ausbildung, eben ein besseres Leben. Die Mode-Designerin, die Tag und Nacht arbeitet, um mit 172, 50 Euro Einstiegsgeld wettbewerbsfähige Kollektionen zu schneidern. Den letzten Stellmacher Berlins, dessen Werkstattaufgabe einer Museumsauflösung gleicht. Oder das niederländische Paar, das sich hier für eine bessere Gesellschaft engagiert.

Von ihren Wünschen, Problemen, Alltagssorgen, davon, wie es ist, mit wenig Geld und Unterstützung die Zukunft zu gestalten, erzählen hier sechs der Hausbewohner.

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