Berlin : Hightech aus Kreuzberg

Berliner bauen die Elektronik für den Mega-Jumbo A380. Auch sonst hat die Luftfahrtindustrie gut zu tun

Rainer W. During

Wenn am 18. Januar der neue Super-Airbus A 380 in Toulouse aus der Werkshalle rollt, ist auch Hightech aus Berlin an Bord. Der Mega-Jumbo ist das erste Verkehrsflugzeug, dessen Türen einschließlich der Notrutschen elektrisch gesteuert werden. Die Bedientafeln dafür entstehen hinter roten Backsteinmauern an der Ohlauer Straße in Kreuzberg. Die Holmberg GmbH & Co KG ist nur ein Beispiel für die Leistungsfähigkeit der Luftfahrtindustrie in der Region.

Mikrofone und Kopfhörer des renommierten Elektroakustik-Herstellers sind in den Cockpits fast aller Airbusse und vieler Boeings zu finden. Auch Telefone zur internen Verständigung von Flugbegleitern und Piloten baut „Holmco“. Bis zu 35 digitale Handapparate sind es im A 380. Rund 40 Prozent des diesjährigen Umsatzes von rund neun Millionen Euro entfallen auf die Luftfahrtsparte, sagt Abteilungsleiter Detlev Purman. Fünf neue Jobs sind hier entstanden. Und schon laufen die nächsten Projekte an. Für die Eurofighter der Bundeswehr wird Holmco die Kopfhörer der Bodencrews liefern. Und auch im neuen chinesischen Regionaljet AJR-21 kommt die Technik aus Kreuzberg zum Einsatz.

Power machen auch zwei Firmen am südlichen Berliner Autobahnring. MTU in Ludwigsfelde feierte am 7. Dezember das Richtfest von Westeuropas größtem Serienprüfstand für Propellertriebwerke. Im August soll der erste Probelauf des TP400-Turboprops starten. 750 Antriebseinheiten für den neuen europäischen Militärtransporter A 400M werden hier endmontiert. Knapp 12 Millionen Euro wurden in die Infrastruktur für das Programm investiert, das allein rund 80 der gut 500 Arbeitsplätze sichert.

Bei Rolls-Royce in Dahlewitz bauen rund 1000 Mitarbeiter jährlich knapp 200 Düsentriebwerke der BR 700-Familie. Sie geben Business-Jets von Bombardier und Gulfstream ebenso Schub wie dem Verkehrsjet Boeing 717 und dem Seeaufklärer Nimrod. Über zwei Millionen Flugstunden haben die Düsenaggregate aus Brandenburg seit 1996 zurückgelegt. Für das TP400 entwickelt Rolls-Royce den Hochdruckverdichter.

Auch ganze Flugzeuge werden in der Hauptstadtregion gebaut. Rund 180 Exemplare des innovativen Motorseglers S10 hat die Stemme AG bisher zum Stückpreis von rund 210000 Euro ausgeliefert. Zu den revolutionären Highlights des zweisitzigen Fliegers gehören der aus der Bugspitze ausfahrbare Propeller und die parkplatzsparend klappbaren Tragflächen.

Die ersten 30 Maschinen baute der Berliner Laser-Physiker und Hobbypilot Reiner Stemme noch zu Mauerzeiten mit einer Sondergenehmigung der Alliierten im Wedding. 1992 verlegte die Firma ihren Sitz zum Flugplatz Strausberg, wo 35 Mitarbeiter für die Endmontage der inzwischen in Polen vorgefertigten Komponenten sorgen. In Kürze wird eine neue Produktreihe gestartet. Der Prototyp der S6 als erstem Modell einer neuen Familie von Segel- und Motorsegelflugzeugen wird auf der Fachausstellung Aero im April in Friedrichshafen präsentiert.

Auf eine ähnliche Erfolgsgeschichte kann die Aquila Technische Entwicklungen GmbH am Flugplatz Schönhagen zurückblicken. Mit der A210 entwarf sie vor neun Jahren erstmals ein Kleinflugzeug dreidimensional am Computerbildschirm. Peter Grundhoff, Alfred Schmiderer und Markus Wagner – ehemalige Studenten der Technischen Universität Berlin – legen vor allem Wert auf die Sicherheit. So ist die Kabine mit dem gleichen Material verstärkt wie die Sicherheitszellen von Rennwagen.

2002 fand der Jungfernflug statt, heute zählt die Firma 40 Mitarbeiter. 27 der Zweisitzer wurden bisher fertiggestellt, sie gingen nach Frankreich, Österreich, Holland, Russland, in die Ukraine und die Schweiz. 25 weitere Flugzeuge zum Stückpreis von 138 000 Euro stehen schon in den Auftragsbüchern. Mit der gegenwärtigen Produktionsrate von zwei A 210 pro Monat kann die Firma die Nachfrage kaum befriedigen. Eine Verdoppelung der Produktion ist vorgesehen, auch an ein Zweigwerk jenseits des Atlantiks wird gedacht.

Als Wartungsstandort für Verkehrsflugzeuge gewinnt die Hauptstadtregion ebenfalls immer mehr an Bedeutung. Aus ganz Europa fliegen Airlines ihre Maschinen nach Schönefeld, um sie von den 270 Mitarbeitern der Lufthansa Technik routinemäßig durchchecken zu lassen. Rund 120 Maschinen sind es pro Jahr, mit steigender Tendenz. Gleich nebenan, beim Joint-Venture Lufthansa Bombardier Aviation Services (LBAS) bringen 103 Beschäftigte jährlich etwa 600 Geschäftsreisejets auf Vordermann, die aus Ländern wie Pakistan oder Malaysia eingeflogen werden. Jetzt wird die Zulassung auf weitere Hersteller ausgedehnt, kündigt Geschäftsführer Andreas Kaden an. Außerdem steht in Schönefeld rund um die Uhr ein Team von Spezialisten auf Abruf, um in Europa, Nordafrika und dem Mittleren Osten mit einer Panne gestrandete Businessjets wieder flugfähig zu machen.

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