Berlin : Hightech gegen den Krebs

Private Investoren planen neben dem Virchow-Klinikum ein Ionen-Protonen-Center. Um den Bau solcher Bestrahlungszentren ist ein Wettlauf entbrannt

Hannes Heine

Berlin könnte schon in wenigen Jahren Ziel für Krebskranke aus aller Welt werden. In Wedding soll bis 2012 eine der weltweit modernsten Anlagen zur Krebsbekämpfung entstehen. Die Methode, mit der im neuen „Ionen-Protonen-Center“ gearbeitet wird, heißt Partikeltherapie. Dabei werden Tumore mit Protonen- und Ionen bestrahlt. Die Behandlung gilt als risikoärmer als die herkömmlich zur Zerstörung von Krebszellen genutzte harte Röntgenstrahlung. Denn der Beschuss mit Ionen- und Protonen kann in einer definierten Körpertiefe innerhalb weniger Millimeter gestoppt werden. Das gesunde Gewebe wird somit nicht belastet, die Nebenwirkungen sollen geringer sein. Mediziner erwarten außerdem Heilungsaussichten von bis zu 90 Prozent. Wird derzeit beispielsweise nur jeder zweite lokal begrenzte Rachentumor geheilt – bundesweit erkranken jedes Jahr etwa 10 000 Menschen daran –, so rechnen Experten künftig in zwei von drei Fällen mit einer Genesung.

Das neben dem Virchow- Klinikum geplante Zentrum soll 140 Millionen Euro kosten, davon alleine die High-Tech-Geräte 80 Millionen Euro. Bezahlt werden soll es von einem privaten Konsortium. Etwa 60 Millionen wird der Neubau und die Inneneinrichtung des für die Anlage nötigen Gebäudes kosten. Um den Auftrag für die Bestrahlungsgeräte gibt es derzeit noch eine harte Konkurrenz; mehrere Firmen, darunter Siemens, haben sich beworben. Das österreichische Unternehmen Vamed hat bereits gemeinsam mit der Siemens Project Ventures GmbH einen Kooperationsvertrag mit der Charité und dem landeseigenen Klinikkonzern Vivantes unterzeichnet.

Im Wettlauf um den Spitzenplatz im deutschen Gesundheitswesen hätte Berlin dann bald die Nase vorn, sagt Unternehmensberater Hans-Jochen Brauns. Denn so wie Frankfurt am Main die Stadt der Finanzwirtschaft und München die Stadt der Hochtechnologie ist, so will Berlin die Gesundheitsstadt Deutschlands werden. Das neue Behandlungszentrum wäre ein großer Schritt in diese Richtung, meinen Experten. Ab kommenden Jahr sollen die Bauarbeiten in der Amrumer Straße starten.

Rund 2000 Krebspatienten jährlich könnten ab dem Jahr 2012 in Wedding behandelt werden, sagt der Charité-Radiologe Budach, der auch einer der Initiatoren des Projekts ist, – darunter auch Kranke, die eigens aus dem Ausland anreisen. Fünf Jahre nach Betriebsbeginn der Anlage werde man dann schwarze Zahlen schreiben.

„Berlin muss sich beeilen“, sagt Marion Haß von der Industrie- und Handelskammer. Wenn die Stadt von der Kaufkraft zahlungskräftiger Patienten und ihrer Familien aus dem In- und Ausland profitieren wolle, müsse sie schnell handeln. Die derzeit starke Nachfrage sei irgendwann erschöpft. Denn in Deutschland läuft bereits seit Jahren ein Wettrennen um die Spitzenplätze im Gesundheitswesen. Mehrere Protonenzentren sind in Planung – in Marburg, Kiel, Heidelberg, Köln und Essen etwa. Das erste soll schon bald eröffnen: in München. Nach Auskunft eines Sprechers wurde das Münchener Rinecker Proton Therapy Center, in das etwa 150 Millionen Euro investiert worden sind, bereits erfolgreich getestet. Nun warte man auf eine Genehmigung des TÜVs. Schon jetzt gebe es eine Warteliste mit Patienten: Mehr als 150 Krebskranke hätten sich in München angemeldet. Das Zentrum soll jährlich 4000 gesetzlich und privat versicherten Patienten offen stehen.

Weltweit existieren bisher nur fünf solcher Therapieplätze, die Protonenbestrahlung wurde bisher an etwa 46 000 Patienten angewandt – mit vielversprechenden Ergebnissen. Die Deutsche Gesellschaft für Radioonkologie, ein Fachverband für Strahlentherapie, sieht dennoch einen „hohen Bedarf an klinischer und experimenteller Forschung“. Grund ist, dass die Methode relativ neu ist, bisher liegen kaum Langzeitstudien über ihren Nutzen vor. Jedes Jahr gibt es in Deutschland 320 000 neue Fälle von Krebserkrankungen, dank der Vorsorgeuntersuchungen kommen etwa 200 000 für eine Strahlentherapie in Frage. Nach Auskunft von Experten eignet sich davon wiederum jeder Zehnte für die neue Behandlung. Dabei ist die Chance auf Heilung größer, je früher der Krebs erkannt wird.

Die Protonenbehandlung ist jedoch teuer, pro Patient können schnell zwanzigtausend Euro zusammenkommen. Nach Auskunft der AOK Berlin werden die Kosten für eine Protonentherapie von den gesetzlichen Krankenkassen derzeit nur bei drei Tumorarten – etwa bösartigen Knochentumoren – übernommen. Behandlungen gegen Prostatakrebs werden von Kassen nur bezahlt, wenn sich die Patienten einer herkömmlichen Röntgentherapie unterziehen. Diese kostet etwa 6000 Euro, im „Ionen-Protonen-Center“ wären dagegen fast 20 000 Euro fällig. Die Betreiber des Münchener Zentrums haben deshalb mit der AOK und den Betriebskrankenkassen in Bayern Verträge abgeschlossen, nach denen die Kassen für eine Gesamtbehandlung bis zu 17 500 Euro pro Patient übernehmen.

Langfristig sei die neue Therapie „volkswirtschaftlich sinnvoll“, da mehr komplikationslose Krebsheilungen zu erzielen seien und damit geringere Folgekosten anfielen, sagt Volker Budach, Direktor der Klinik für Strahlentherapie an der Charité und einer der Initiatoren des Projekts. Fünf Jahre nach Inbetriebnahme des neuen Zentrums wollen die Betreiber erste Analysen der Wirksamkeit, aber auch der Nebenwirkungsraten und Spätkomplikationen im Vergleich zur Röntgentherapie vorlegen.

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