Berlin : Hilda Weise (Geb. 1921)

Zweimal kauft sie die Fahrkarte nach Hause, zweimal zerreißt sie sie.

Tatjana Wulfert

In den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts sitzen Mädchen kerzengerade bei Tisch, führen manierlich den Löffel zum Mund, knicksen artig vor einem Gast, gehen der Mutter zur Hand, rennen und springen nicht in ihren tadellosen Kleidern, warten auf einen Bräutigam. Hilda streift durch die Wälder zu beiden Seiten der Weser, durch Schneisen und Schluchten, duftet nach Gras und Moos und feuchten Blättern, die Haare zerzaust, die Knie zerkratzt. Sie schwimmt im Fluss, hängt sich an Schleppkähne, die sie bis zur nächsten Ortschaft ziehen. Darf zweimal im Jahr mit dem Vater, einem Förster, zur großen Jagd, kennt alle Blumen und Bäume und Tiere.

In der Dorfschule sitzt sie neben der Tochter des Lehrers, die lernt mittelmäßig, Hilda ausgezeichnet, der eifersüchtige Vater und Lehrer will die kleine Konkurrentin der Schule verweisen. Hilda möchte ohnehin nicht dort bleiben, sie will Mathematik studieren. Für ein Gymnasium allerdings reicht das Geld eines Försters nicht. So geht sie nach Lübeck, zur wohlhabenden Großmutter, weit weg von Weser und Wäldern. Zweimal läuft sie mit ihrem Taschengeld zum Bahnhof, kauft die Fahrkarte nach Hause. Doch, es ist schön bei der Großmutter, auch in der Schule, nur hat sie jetzt immer gekämmtes Haar und makellose Knie. Zweimal zerreißt sie die Fahrkarte.

Der Krieg. Ein Notabitur nur ist möglich. In Deutschland ist es eng. Als Dolmetscherin könnte sie vielleicht ins Ausland gehen. Lernt Englisch, Französisch und Russisch, bekommt tatsächlich ein Angebot aus Brüssel. Auf dem Bahnsteig nestelt ihre Mutter an einer Haarsträhne, beißt sich auf die Unterlippe, hüstelt. „Und … und halt dir die Männer vom Leib.“ In Brüssel trifft Hilda ihre erste große Liebe.

Kurz vor Ende des Krieges muss sie zurück, ihre Eltern brauchen Hilfe. Die russische Armee ist im Dorf angelangt, Hilda und die Mutter drängen den Vater: „Zieh die Försteruniform aus“, zu spät, ein Soldat steht vor ihm, zielt, Hilda stürzt heran, sagt schnell und laut einige russische Worte, der Soldat lässt die Waffe sinken.

Sie arbeitet für die Alliierten, übersetzt die Entnazifizierungsfragebögen der Engländer, hat eine Stelle bei den Amerikanern in Aussicht, trifft indessen Herrn Weise. Die kluge, agile, sprachgewandte Hilda wird Mutter, Hausfrau, Ehefrau. Ehefrau nur mit halbem Herzen. Zwei Mädchen, Cornelia und Gonda, kommen zur Welt, die Familie zieht nach Essen, das große Glück stellt sich nicht ein mit Herrn Weise. Aber Herr Weise ist Berliner, sehnt sich nach seiner Stadt, erzählt Hilda von den Straßen, Lichtern, Menschen dort, beide träumen von einem Umzug. Doch geht Gonda nach Berlin. Herr Weise stirbt.

Oft fährt Hilda, mit einem roten Ford Capri, zu Gonda, ihren Enkeltöchtern, gründet ein Übersetzungsbüro, reist nach Frankreich, dolmetscht bei Gericht und für Firmen. Am 24. Dezember 1982 lernt sie Gondas Schwiegervater kennen. „Ja, Avancen haben mir einige Männer unterbreitet, aber nein, ich bin doch nicht verrückt, lieber behalt ich meine Unabhängigkeit, als einen alten Mann zu nehmen.“ Bei diesem Mann wird sie schwach, ihre zweite große Liebe.

Gonda verliebt sich in eine Frau, verlässt ihren Mann. Nein, wie man liebt, wen man liebt, das spielt keine Rolle, aber die Kinder, was wird aus den Kindern, fragt Hilda in langen Gesprächen ihre Tochter. Den Kindern geht es gut. Hilda trifft Beate. Auf Festen sagt sie zu den Leuten: „Darf ich vorstellen, meine Schwiegertochter.“

1999 dann, mit 78, macht sie sich auf den Weg. Löst allein die vier Zimmer in Essen auf, steht mit dem Möbelwagen am Innsbrucker Platz. „So eine hübsche Wohnung, so viele Freunde wie in Berlin hatte ich noch nie.“ Sie nimmt an französischen Konversationskursen teil, geht ins Theater, in Museen, wandert, kauft sich einen Computer, spaziert die Straßen entlang, betrachtet die Menschen, die Lichter der Stadt schimmern auf ihrem Gesicht. „Ich habe so ein schönes Leben gehabt, vor allem die letzten acht Jahre.“ Tatjana Wulfert

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