Berlin : Hilde Weström (Geb. 1912)

Sie sah die vielen Frauen, die weniger Anerkennung gefunden hatten

Lena Panzer-Selz

An der Garagenmauer hing ein großes Betttuch, bunt bemalt von zehn Frauen, und jedes Jahr entstand ein neues, immer wenn das Sommerfest des Malkreises bei Hilde Weström stattfand. Jede Woche trafen sich die Frauen bei ihr, und immer malte Hilde mit: farbintensive, expressive Bilder. Ganz zufrieden war sie damit aber nie.

Eigentlich war sie ja auch Architektin. Kurz nach dem Krieg trat sie als eine der ersten Frauen in den „Bund Deutscher Architekten“ ein, gründete ein Büro und trieb den Wiederaufbau Berlins voran. Sie vermaß Trümmergrundstücke und erhielt bald erste Aufträge für die Planung von Sozialwohnungen. Die Grundrisse waren klein und die finanziellen Spielräume eng. Resolut setzte sich die Architektin bei Verhandlungen mit Ämtern durch, behauptete sich auf Baustellen.

Im Jahr 1957 präsentierte sie auf der Internationalen Bauausstellung im Hansaviertel familienfreundliche Raumkonzepte, einen Spielflur für Kinder, offene Küchen. Die Hausfrau sollte am Geschehen in der übrigen Wohnung teilhaben. Später erarbeitete sie eine DIN-Norm für Küchen, die bis heute gültig ist. Mit Hans Scharoun war sie am Bau der Staatsbibliothek in der Potsdamer Straße beteiligt. Am liebsten baute sie aber für Künstlerinnen: einen Bungalow für die Keramikerin Liselotte Küster, ein Haus mit Bildhauerwerkstatt für Ursula Hanke-Förster am Teltower Damm. „Das waren Bauten, die mir Spaß machten. Arbeit wohl, aber Spaß vor allem.“

In der Meisenstraße in Dahlem kaufte sie ein Ruinengrundstück und errichtete darauf ein Haus für ihre eigene Familie. Dort lebte sie mit ihrem Mann, dem Juristen Jürgen Weström, und ihren vier Kindern. Ihr Mann starb früh, und als die Kinder ausgezogen waren, organisierte sie Ausstellungen in ihrem großen Wohnzimmer mit der großen Fensterfront zum Garten. Die „Gemeinschaft der Künstlerinnen und Kunstförderer“, GEDOK, hatte noch keine eigene Galerie, deshalb nahm Hilde ihre eigenen Gemälde von der Wand und hängte die Bilder unbekannter Malerinnen auf. Für viele von ihnen war das in den sechziger und siebziger Jahren die einzige Gelegenheit, ihre Arbeiten vorzustellen. Auch Lesungen fanden bei Hilde statt.

Besuch war stets willkommen, auch ohne großen Anlass. Ihre Haustür war nur selten abgeschlossen, auch nachdem aus ihrer Wohnung Geld gestohlen worden war. Bei einem Glas Rotwein führte sie hitzige Diskussionen über Kunst und Politik, erzählte von ihren Reisen nach Ägypten oder den Fahrten mit den Malfrauen in die Toskana. Viele beeindruckte sie auch noch im hohen Alter mit ihrem ausgezeichneten Gedächtnis.

Als in einer Ausstellung ihr Lebenswerk gezeigt wurde und als das Haus „Hanke-Förster“ in die Liste denkmalgeschützter Bauten aufgenommen wurde, war sie stolz. Aber sie sah die anderen Frauen, die vielen Künstlerinnen, die weniger Anerkennung gefunden hatten. Die lagen ihr besonders am Herzen, so die Malerin und Grafikerin Gerda Rotermund, die im Alter sehr allein und deren Werk in Vergessenheit geraten war. Sie organisierte die Pflege der eigenwilligen Dame, und nach ihrem Tod kümmerte sie sich um die Auflösung der Wohnung, verwaltete den Nachlass und legte in jahrelanger Arbeit ein Werkverzeichnis an.

„Lies noch ein Gedicht von Mascha Kaléko vor“, bat sie bei den letzten Besuchen ihre langjährige Freundin. Da waren die Feierlichkeiten und Ehrungen zum 100. Geburtstag vorüber. „Was euch im Leben zu mir zog, / hebt es nicht auf für meinen Nekrolog!“ Hilde Weström wusste, weshalb die Menschen gern zu ihr kamen. Lena Panzer-Selz

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