Berlin : Hildegard Boettcher (Geb. 1908)

Musik spricht für sich selbst, wie oft hatte sie das schon erklärt!

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Im naiven Glauben, Übung mache den Meister, trällerte Hildchen tagein, tagaus vor sich hin. Sie wollte Sängerin werden wie ihre Mutter, die einst am Opernhaus von Wien die Heldinnen verkörpert hatte. Doch die Mutter, inzwischen verheiratet mit dem Herrn Rechtsanwalt von Larcher, und ganz damit beschäftigt, ihre sechs Kinder so weise als möglich aufzuziehen, meinte: „Wenn du schon so viel üben musst, dann mache dir das Singen nicht zum Beruf.“ – „Dann werde ich eben Pianistin“, beschloss Hilde, ohne ihr Geträller einzustellen. Sie liebte es, dem Organisten zu lauschen, vor allem, wenn er Bach spielte.

So zog sie aus Hermannstadt in Siebenbürgen „hoch ins Reich“, wie die Leute sagten. Hinter sich ließ sie die Karpaten, das schaurige Wolfsgeheul der Winternächte, eine unbeschwerte Kindheit.

In Berlin wurde sie Schülerin am Musikinstitut der Maria Leo. Die empfahl ihr, sich dringend die Vorträge von Hans Boettcher anzuhören, der in Neukölln die erste Arbeitermusikschule Deutschlands mitgegründet hatte. Folgsam setzte sich also das Fräulein von Larcher zwischen die Maurer und Fleischermeister, und ließ sich genau wie diese mitreißen von Boettchers leidenschaftlichen Erläuterungen zur Musik.

Der links denkende Schwabe, der nicht nur reden, sondern auch Klavier spielen konnte, gefiel ihr. Und ihm gefiel das blonde Fräulein, das ihn in siebenbürgischem Singsang begrüßte: „Joi, wie herzig!“, und das trotz des adligen Nachnamens keinerlei Prinzessinnenallüren an den Tag legte. Es dauerte nicht lange, bis die beiden das Gefilde der Gelehrtheit verließen, um über den Schwielowsee zu schippern. 1932 heirateten sie.

Die unbeschwerten Jahre waren gezählt. Die Deutschtümelei hatte sie schon in Siebenbürgen gestört, nun griffen diese Kräfte unmittelbar in ihr Leben ein. Als ein jüdischer Schüler mitteilte, er könne nicht mehr in ihren Klavierunterricht kommen, weil das zu gefährlich sei, erklärte sie kurzerhand: „Dann komme ich eben zu Ihnen.“ So hielt sie ihm die Treue, bis ihm die Flucht aus Deutschland gelang. Jahrzehnte später sagte er, Hildegard Boettcher sei einer der wenigen anständigen Menschen gewesen, die er in jener Zeit getroffen hätte.

An diese Zeiten zurückzudenken, schmerzte sie: „Das alles ist garstig und schmutzig.“ Ihre geliebte Lehrerin Maria Leo, eine Jüdin, nahm sich das Leben, nachdem die Nazis sie gezwungen hatten, das Institut zu verlassen. Hans, der wegen seiner schwachen Augen „frontuntauglich“ war, wurde noch am letzten Kriegstag in den „Volkssturm“ beordert. Hildegard stand daneben, als Hunderte Leichen exhumiert wurden, vergeblich. Nicht einmal seinen Körper bekam sie zurück.

37 Jahre war sie alt, Witwe, Mutter dreier Kinder. Ein kleiner Trost war es, dass das Häuschen und das Klavier den Krieg unversehrt überstanden hatten. Und auch ihre kleine Schar war äußerlich heil aus Thüringen zurückgekehrt.

Sie ging Torf stechen, klaubte erfrorene Kartoffeln aus dem Ackerboden, mahlte aus Eicheln ein bitteres Mehl. „Mülein“ wurde sie von ihren Kindern gerufen. Ohne „h“. „Mülein“ kam von Mütterchen, nicht von Mühsal. Denn Ursula, das Uachen, Wolfgang, das Purschilein, und Marianne, das Mariannili, hörten ihre Mutter weder klagen noch fluchen. Sie hörten sie Klavier spielen. Am liebsten Bach.

Wie sehr sie das Leben liebte, zeigte sich in jener Nacht nach dem großen Pilzmahl. Weil den Kindern die selbst gepflückten Pilze allem Hunger zum Trotz nicht schmecken wollten, aß Mülein sie alleine. Wenig später musste sie von den Kindern und Nachbarn auf einen Holzkarren gebunden und ins weit entfernte Krankenhaus geschoben werden. „Sie wird sterben“, sagte der Arzt. Zu viele der giftigen Pantherpilze hatte sie gegessen. Es war ein wilder, irrer Überlebenskampf. Sie hatte den Krieg nicht überlebt, um sich danach von ein paar Pilzen hinraffen zu lassen. Sie hatte überlebt, um den Kindern zu einem Leben zu verhelfen, das seinen Namen verdiente. Zu einem Leben mit Musik.

Und nicht nur den eigenen Kindern. Zwar verwies sie besonders begabte Kinder bald an andere Lehrer, doch war sie diejenige, die den Grundstein legte: Die Liebe zur Musik. Und weil Liebe verbindet, durften die Schüler mit ihr ein Leben lang rechnen.

Regelmäßig kam sie zu den Konzerten ehemaliger Schüler und der eigenen Kinder, die alle drei ausgezeichnete Musiker wurden.

Als der Sohn eines Abends vor einem Cellokonzert eine Ansprache hielt, wurde die andächtige Stille im Publikum plötzlich von einer energischen Frauenstimme durchbrochen: „Schluss jetzt!“ Musik spricht für sich selbst, wie oft hatte Mülein das ihrem Sohn schon erklärt!

Noch als über Neunzigjährige fuhr sie mit der U-Bahn quer durch die Stadt, um ihren Schützlingen zu lauschen. Manchmal bemängelte sie hinterher, das Publikum sei, wie leider so oft, „ein wenig überaltert“ gewesen.

Waren die zahlreichen Enkel oder Urenkel zu Besuch, befragte sie sie hoch interessiert nach ihrem Werdegang und holte dann ihre große Babuschka hervor. Der Mensch im Menschen. Die Musik, die nicht aufhören soll zu spielen.

Drei Tage vor ihrem Tod spielte ihre jüngste Tochter ihr Beethovens Frühlingssonate vor. „Und morgen“, bat sie begeistert, „spielst du es mir noch einmal vor.“ Marianne versprach es der Mutter, die, wie immer, gesund und munter wirkte. Es kam nicht mehr dazu. Anne Jelena Schulte

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