Berlin : Hildegard Knef: "Ein Leben voll Freude und Energie, Kummer und Not"

Bernd Matthies

Das Leben der Knef - ein Film bis über den Tod hinaus? Geradezu überirdisch erschien die Präzision, mit der es auf dem Zehlendorfer Waldfriedhof zu regnen begann, exakt zu jenem Moment, als die sechs Träger den Sarg ins Grab hinabließen. Fünf Minuten später, die ersten Trauernden aus der Familie hatten Rosen hinuntergeworfen, hörte der Regen wieder auf. Ein Zeichen oder Zufall, wer weiß.

Etwa tausend Menschen werden es gewesen sein, Fans und Freunde, Kollegen und Verwandte, die am frühen Donnerstagnachmittag den Weg gefunden hatten, der auch Hildegard Knefs letzter Weg war. Paul von Schell, ihr Mann, ihre Tochter Christina; Judy Winter, Günter Pfitzmann, Liselotte Pulver, Nina Hagen, Klaus Wowereit ... Ein Streichquartett der Philharmoniker spielte, geschützt von schwarzen Schirmen, die Lieblingslieder des Weltstars aus Deutschland, "Yesterday" und "Imagine". Dann ein rascher Abschied mit den zeremoniellen Worten der Pfarrerin Sylvia von Kekulé. Paul von Schell, sichtlich um Fassung und Stimme ringend, sprach ein englisches Gedicht. Dann die Trauernden. Viele Tränen in der Familie, bei den Zaungästen, Rosen. Waren es tausend, die da auf den Sarg regneten, wie es Hildegard Knef, freilich fürs Leben vor dem Tod, gewünscht hatte?

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Vorher, in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die Stimmung eines Staatsaktes. Vorn am Altar eine skizzenhafte Bleistiftzeichnung der Verstorbenen mit Trauerflor, kaum erkennbar im harten Scheinwerferlicht. Blumenbuketts, Kränze vom Abgeordnetenhaus, vom Bundeskanzler, einzelne Blumen, in der Mitte der schlichte Kiefernsarg, geschmückt mit einer Rose, auf einer Unterlage in liturgischem Violett, daneben Bundesverdienstkreuze auf schwarzer Tafel. Hier war der Ort für die Politiker, die am Nachmittag nur noch durch Klaus Wowereit repräsentiert wurden, für Walter Momper, Eberhard Diepgen, Gregor Gysi, Christoph Stölzl und Julian Nida-Rümelin als Abgesandten der Bundesregierung.

Joachim Schlicke, der Landeskirchenmusikdirektor, machte mit Bachs g-moll-Phantasie den Anfang der Feier, von der es später in den Nachrichten mit zutreffendem Klischee hieß, sie sei bewegend gewesen. Einführende Worte der Pfarrerin, eine Rückschau auf ein Leben, "das randvoll war mit Freude und Energie, aber auch mit Kummer und Not". Musik: Till Brönner, der musikalische Weggefährte der letzten Jahre, hielt auf seine Art ebenfalls eine Rede, mit gestochen scharfem Trompetenton, zum ersten Mal an diesen Tag John Lennons "Imagine"; Schlagzeug, Bass, und am Klavier Kai Rautenberg, jener Pianist, der wohl öfter als alle anderen Musiker und über Jahrzehnte immer wieder mit Hildegard Knef zusammengespielt hat, zusammenspielen durfte.

Klaus Wowereit nahm eine Rose mit aufs Rednerpult. Kurz verbal angerempelt von einem Zwischenrufer, machte er eine kurze Pause, äußerte sein Bedauern. Er hat vermutlich bisher noch kaum Totenreden gehalten, doch es schien, als würden ihm nur wenige, die er noch zu halten hat, ähnlich nahe gehen. Wowereit sprach über die Botschafterin Berlins, die sie zeitlebens gewesen sei, über eine "emanzipierte, realitätsbezogene, selbstständige Frau", die das Leben bisweilen berlinisch schnoddrig, stets mit einem Schuss Sentimentalität bewältigte, und die Weltläufigkeit stets mit Bodenhaftung zu verbinden wusste. "So, wie sie das Leben gemeistert hat, so wünschen wir uns, selbst zu sein", sagte Wowereit, nahm zum Schluss die Rose vom Podium und legte sie unter das Bild Hildegard Knefs.

Thomas Jost, der langjährige Manager der Künstlerin, zeichnete für die Familie ein persönliches Porträt einer Frau, die zwar oft verletzt wurde, aber dennoch weder Neid noch Schadenfreude kannte und trotz vielen Leids nie hart und verschlossen wurde. Sylvia von Kekulé, die Gemeindepfarrerin der Gedächtniskirche, stellte ihre Predigt unter das Motto "Ich lebe, und ihr sollt auch leben", sprach davon, dass Trauer und Schmerz sich irgendwann in Dankbarkeit verwandeln würden. "Wir, die Christen ..." sagte sie betont - wer wollte, konnte eine winzige Distanz zu Hildegard Knef heraushören, die sich der Kirche in den letzten Jahrzehnten offenbar nicht innig verbunden fühlte.

Und wieder Musik. Drei Mal kam die Tote selbst zu Wort, verblüffend präsent, als stünde sie selbst am Kirchenmikrophon. Sie ließ es rote Rosen regnen, natürlich, verlangte alles oder nichts ("Sie hat nun alles bekommen", sagte die Pfarrerin), und es schien, als sei in diesem Moment der zentrale Wunsch dieses Liedes in Erfüllung gegangen: "Nicht allein sein und doch frei sein." Noch einmal Bach, das Vaterunser, dann das dritte Lied, weniger bekannt: "Wer war froh, dass es dich gab?" Eine ihrer letzten Aufnahmen mit Till Brönner, die brüchige Stimme mit aktuellen Klangfarben hinterlegt, ein offenes Ende: "Gib mir Antwort, gib mir Antwort ..." Die Gedächtniskirche leert sich, Trauergäste verharren vor dem Bild. Rosen.

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