Berlin : Hildegard Lessing, geb. 1915

Ursula Engel

"Meine Mutter hat sich meinen Vater ausgesucht", sagt Wolfgang Lessing. Das war 1935 in Stettin. Die gelernte Köchin entschied sich für den am stattlichsten aussehenden Soldaten, der täglich in der Kasernenkantine der Eltern verpflegt wurden. Viele junge Frauen hätten damals gerne mit ihr getauscht. Ein Berufssoldat mit Karriereaussichten, das war eine begehrte Partie. Hildegard heiratete Walter Lessing 1936 und bekam zwei Söhne. Dann kam der Krieg. Alleine zog sie die Kinder groß, denn Walter ging als Zahlmeister an die Front. Die Familie blieb in Greifswald, wohin Walter Lessing kurz vor Kriegsausbruch versetzt worden war. Als der Zweite Weltkrieg 1945 zu Ende und der deutsche Faschismus besiegt war, hatte sich für Hildegard Lessing die Welt ins Gegenteil verkehrt. Was gestern noch als Pluspunkt galt, war plötzlich ein Makel - Offiziersfrau zu sein beispielsweise. Hildegard Lessing wollte das so nicht sehen. Sie behielt ihr Leben lang ein ausgeprägtes Standesbewusstsein - für einen Stand allerdings, der im demokratischen Deutschland nach dem Krieg erst einmal abgeschafft wurde. Während Hildegard sich mit der neuen Welt irgendwie arrangierte, war Walter Lessing in russischer Gefangenschaft. Fast zwei Jahre lang gab es kein Lebenszeichen. Endlich erreichte Hildegard der erste Brief von Walter, viele weitere sollten folgen. Dank eines Geheimcodes, den sie vor dem Krieg vereinbart hatten, erfuhr Hildegard, dass ihr Mann in Ufa, einer Stadt im Ural in Gefangenschaft war. Als er Ende 1948 von dort zurückkehrte, wog der 1,84 Meter große Mann nicht einmal 50 Kilo. Hildegard päppelte ihn wieder hoch und bekam noch einen weiteren Sohn.

Es dauerte einige Jahre, bis Walter Lessing als Beamter im Neuköllner Rathaus arbeiten konnte und durfte. Das Leben in Berlin gefiel den Eheleuten aber immer weniger. Die Nähe der Kommunisten, die politische Entwicklung in Ost-Berlin machte beiden, vor allem aber Walter Angst. Als er wegen Herzproblemen frühpensioniert wurde, verließen Hildegard und Walter die Stadt manchmal für Monate. Mal verbrachte Hildegard als Köchin und Walter als Empfangschef eines Hotels einen Sommer im Schwarzwald, mal arbeiteten sie eine Saison lang im Fränkischen.

1968 verkauften sie schließlich ihr Haus in Berlin und zogen in ein kleines Dorf nach Bayern. Abgeschieden und sich selbst genug lebte das Paar dort 16 Jahre lang. Walter und der große Garten mit den vielen Blumen reichten Hildegard um zufrieden zu sein. Erst nach dem Tod ihres Mannes 1988 zog Hildegard wieder nach Berlin. Sie wollte in der Nähe ihrer Söhne sein.

Hildegard war eine starke Frau, die nicht leicht zu beirren war. In Gesellschaften allerdings hatte meist ihr Mann im Mittelpunkt gestanden. Er war stattlich, charmant und konnte packend erzählen, sagt sein Sohn. "Tatsächlich aber traute mein Vater sich oft nicht gegen meine Mutter zu opponieren. Die wenigen Male, die er nach einem Streit einfach ins Wirtshaus verschwand, bezahlte er mit deftigen Standpauken." Streng war Hildegard auch mit ihren drei Söhne. Später, als Schwiegertöchter dazukamen, wurden diese einer besonders kritischen Examination unterzogen. Ihren Ansprüchen konnte kaum eine je gerecht werden. Ihre Besuche in Berlin waren nicht nur ersehnt, sondern auch ein bisschen gefürchtet. Hildegard ergriff sofort das Regiment. Sie kaufte ein, kochte, organisierte den Haushalt neu. "Meine Eltern betrachteten unsere Wohnung dann als ihr Eigentum." Auch waren die mütterlichen, gutgemeinten Ratschläge bei den Schwiegertöchtern nicht immer willkommen. Hildegard sagte, was sie meinte. Zum Beispiel, dass die Schwiegertöchter endlich mit der Raucherei aufhören und sich stattdessen lieber darum kümmern sollten, dass die Söhne warme Unterhemden anzögen. "Es gab einige wirklich schwierige Jahre", sagt Wolfgang Lessing.

Wenn es allerdings ums Feiern ging, hielt die Familie zusammen. Dann tischte Hildegard auf, was der Haushalt hergab. Rheinischer Sauerbraten mit Rosinen war so eine beliebte Festmahlzeit. Nie fehlte die selbstgemachte Haselnuss-Sahne-Torte. Die letzte gab es 1994, an Hildegards achzigstem Geburtstag. Später war sie zu krank, um noch eine zu backen.

Vergessen wurden die Geburtstage trotzdem nicht. Auch in diesem Jahr waren die Kinder und Enkel nach Berlin angereist, um ihrer Mutter und Oma zu gratulieren. Als habe sie nur noch darauf gewartet alle wiederzusehen, starb Hildegard Lessing am Tag darauf.

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