Hilfe auf der Brottüte : Heute ist Aktionstag gegen Gewalt an Frauen

Mehr als 16.000 Fälle häuslicher Gewalt zählte die Kriminalstatistik im vergangenen Jahr in Berlin. Am Aktionstag "Nein zu Gewalt an Frauen" unterstützen auch Bäckereien das Anliegen.

Daniela Martens

Eine Frau ist ohne Geld auf der Flucht, nachdem sie vier Jahre lang von ihrem Mann misshandelt worden war. Eine andere möchte nach einem Krankenhausaufenthalt nicht mehr nach Hause, weil sie Angst vor ihrem Mann hat, der sie dort erwartet. Und der Ehemann der dritten ist gerade zum ersten Mal gewalttätig geworden. Jetzt will sie sich von ihm trennen – aber wie?

Mehr als 16 000 Fälle häuslicher Gewalt zählte die polizeiliche Kriminalstatistik 2008 in Berlin. Fast 80 Prozent der Täter sind Männer. 1723 Frauen und 1698 Kinder haben im vergangenen Jahr Schutz in einem Frauenhaus oder einer Zufluchtswohnung gefunden – Tendenz steigend. „Das liegt aber nicht daran, dass es tatsächlich mehr Gewalt gibt, sondern dass mehr Fälle ans Tageslicht kommen“, sagt Irma Leisle, Leiterin der Big-Hotline. Dies sei gezielten Kampagnen zu verdanken, die das Thema in die Öffentlichkeit rücken. „Aber es ist noch immer etwas, womit sich die Menschen nicht gern beschäftigen.“ Deshalb sei der internationale Aktionstag „Nein zu Gewalt an Frauen“ sehr wichtig.

Die Frau ohne Geld auf der Flucht und ihre beiden Leidensgenossinnen fanden Hilfe bei der Big-Hotline. Sie gehören zu den 60 000 Frauen, die in den letzten zehn Jahren die Notrufnummer gewählt haben. Beim heutigen Aktionstag werden in der Stadt unter anderem Brötchentüten mit der Big-Telefonnummer verteilt. Angenommen werden die Anrufe von Sozialarbeiterinnen in einer hellen Neubauwohnung irgendwo in Berlin. Nicht einmal der Stadtteil dürfe genannt werden, sagt Irma Leisle. Ein „Täter“ könne sich sonst an einer Kollegin rächen, die seiner Ex-Frau geholfen habe.

Nicht nur misshandelte Frauen finden Rat bei Big. Nach Leisles Angaben handele es sich um ein Angebot, „an das sich jeder wenden kann, der mit dem Thema konfrontiert wird – die Frauen selbst, aber auch Kinder, Nachbarn, Eltern, sogar die Polizei und Sozialarbeiterinnen.“ Die Mitarbeiterinnen der Hotline wissen immer, in welchem der sechs Frauenhäuser gerade ein Platz frei ist. Oder in welcher der rund 15 Zufluchtswohnungen. Manchmal reicht auch die Adresse der nächsten Beratungsstelle. Hilfe gibt es in vielen Sprachen. „Wir können innerhalb von zehn Minuten eine Dolmetscherin zuschalten“, sagt Irma Leisle. Etwa 20 Prozent der Anruferinnen haben einen Migrationshintergrund.

Oft endet der Einsatz von Irma Leisles Kolleginnen nicht, wenn der Hörer aufgelegt wird. „Unser zweites Standbein ist die mobile Intervention“, sagt Irma Leisle. Eine Big-Mitarbeiterin brachte die Frau auf der Flucht in eine Zufluchtswohnung. Eine andere holte die Frau aus dem Krankenhaus und brachte sie in ein Frauenhaus. Oft brauchen die Opfer auch Begleitung zu Gerichtsterminen, wo entschieden wird, ob der Täter tatsächlich für sechs Monate aus der näheren Umgebung seines Opfers verbannt wird. Daniela Martens

Die Hotline (Tel. 61 10 300) ist täglich von 9 bis 24 Uhr besetzt. Informationen auch unter www.big-hotline.de

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