Hilfe für Flüchtlinge : Helfen – oder schweigen!

Auch in Berlin gibt es zu viele, die lang und breit erklären, warum sie Geflohenen gerade nicht helfen können oder wollen. Sich nicht zu engagieren ist legitim. Aber zu viele Worte darum sind einfach ärgerlich.

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Engagiert. Freiwillige Helfer verteilen auf dem Gelände des Landesamtes für Gesundheit und Soziales eine warme Mahlzeit an Geflüchtete.
Engagiert. Freiwillige Helfer verteilen auf dem Gelände des Landesamtes für Gesundheit und Soziales eine warme Mahlzeit an...Foto: Paul Zinken/dpa

Bevor die Frage kommt: Ich selbst habe bis hierhin versagt. Mehrfach. Als sich in der Moabiter Hochsommerhitze vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) erstmals lange Schlangen nach Deutschland geflohener Menschen bildeten, fuhr ich nicht dorthin, um zu helfen. Ich hatte gerade eine Deutschlandreise mit vielen Verwandtschaftsbesuchen hinter mir und brauchte, so fand ich, Ruhe. Auch als in den Wochen danach Freunde Geflohene bei sich zu Hause aufnahmen, eiferte ich ihnen nicht nach. Obwohl unser Haus für Einquartierungen viel geeigneter wäre als die Drei-Zimmer-Altbaubuden der Hilfsbereiten, waren wir einfach froh, nach der üblichen sommerlichen Besuchswelle ein wenig für uns zu sein.

Und so ging es weiter. Eine Vormundschaft für ein allein hier gestrandetes Kind, es bei Behördengängen und Papierkram unterstützen? Ich steige ja durch meinen eigenen Papierkram nur mit Mühe und Steuerberater durch. Sachspenden? Ein Abgleich diverser Bedarfslisten mit unserem Kellerinventar zeigte, dass der Gedanke, unser abgelegter Schrott könne Menschen in Not helfen, absurd bis peinlich war. Geld spenden? Das ist schmerzhaft, wenn man gerade selbst eher viel zu wenig als ein wenig zu viel davon hat. Gut, ich kenne Menschen, für die es das mindeste ist, aus Hilfsbereitschaft in den Dispo zu gehen. Doch ich bin dafür, sorry, zu spießig – und wenn jetzt jemand anfängt, von „Bürgerpflicht“ zu salbadern, bin ich eh raus. Es gibt keine Pflicht für Freiwilligkeit. Wer etwas Anderes behauptet, vergiftet die Quellen der Hilfsbereitschaft. Punkt.

Man sollte sich hüten, satte Bräsigkeit mit besonnenem Abwarten zu verwechseln

Aber ich möchte mich hier gar nicht mit den Sittenstrengeren unter den guten Menschen streiten, die selbst etwas bewegen. Mir geht es um all jene, die genau so wenig hilfreich sind wie ich. Genauer gesagt um jene, die dabei meinen, in eine Art Rechtfertigungsoffensive gehen zu müssen – nun, da das Bild des toten Jungen Alan am Strand langsam verblasst und der Applaus für die Ankommenden an deutschen Bahnhöfen zum selbstzufriedenen Selbstzitat wird. Mir geht es um jene, die begierig Unworte wie „Willkommenshysterie“ aufgreifen und Gedanken darüber, dass zu viel spontanes Engagement den Staat in seiner Bereitschaft schwächt, Verantwortung zu übernehmen. Mir geht es um die, die sich auf jede Idee stürzen, mit der sich die eigene satte Bräsigkeit zu einer Form besonnenen Abwartens umdeuten lässt.

Was ich ihnen sagen will, ist pathetisch, aber simpel: Prüft euch genau! Prüft euch genau, wenn ihr bei Facebook nach monatelangem Schweigen begierig den Post des linken bayrischen Liedermachers Hans Söllner verbreitet, in dem dieser in Großbuchstaben bescheidet: „MAN KLATSCHT NICHT WENN FLÜCHTLINGE IRGENDWO ANKOMMEN“. Prüft euch genau, wenn ihr dann bei Söllner eifrig nickend davon weiterlest, dass man, anstatt zu klatschen, die ankommenden Menschen, in den Arm nehmen, ihre Kleidung waschen und ihnen Ruhe gönnen soll! Und fragt euch: Tue ich irgendwas davon?
Prüft genau, ob nicht zumindest im spontanen Applaus für die ersten in München angekommenen Züge voller Geflüchteter mehr Umarmung und Beruhigung steckte als in eurer wohlüberlegten Untätigkeit! Prüft euch genau, wenn euch die Selbstgefälligkeit mancher Lageso-Vollzeit-Aktivisten in eurem Bekanntenkreis so sehr nervt, dass ihr meint, euch darüber wieder und wieder auslassen zu müssen! Prüft euch, bevor ihr ständig von euren eigenen Kindern anfangt! Und auch, bevor ihr referiert, warum ihr als Journalisten, Diplomaten oder was auch immer neutral bleiben müsst.

Und wenn ihr dann merkt, dass auch nur ein kleinster Fitzel eurer Persönlichkeit dabei nach Absolution für die eigene Untätigkeit dürstet – dann schweigt einfach! Die, die nicht eurer Meinung sind, haben gerade eh Besseres zu tun, als sich mit euch herumzustreiten. Und vielleicht kommen wir alle dann schneller, als wir denken, dort an, wo Hans Söllner bereits ist: „Kocht und wascht und helft und freut euch, dass endlich wieder einmal etwas passiert, was euch euren langweiligen Alltag vergessen lässt.“

Der Beitrag erscheint als "Rant" in der gedruckten Tagesspiegel-Samstagsbeilage "Mehr Berlin". Einen Auszug der große Reportage von der Doppelseite können Sie unter diesem Link abrufen - den vollständigen Text gibt es im Online-Kiosk Blendle.

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