Berlin : Hilfe im Akkord

Qualitätsmängel sind nur die eine Seite des Problems. Die andere sind schlechte Arbeitsbedingungen und geringe Honorare

Christoph Stollowsky

Zusammen 8,24 Euro fürs morgendliche Waschen, Zähneputzen, Kämmen, Anziehen, 3,71 Euro fürs Zubereiten des Frühstücks oder 11,12 Euro für gründliches Putzen: Wenn die ambulanten Pflegekräfte nach jedem Einsatz in Berlin ihre Hilfen in Kontrollbögen vermerken, kommen sie sich vor wie Handwerker beim Abrechen ihrer Dienstleistungen. Mit einem gravierenden Unterschied: Im Handwerk sind die Stundenlöhne kräftig gestiegen, in der häuslichen Pflege wurden die Vergütungen seit 1994 nicht mehr erhöht oder sogar um 20 Prozent verringert. Um auf ihre Kosten zu kommen, müssen die Pfleger folglich unter wachsendem Zeitdruck arbeiten. Manche beginnen dabei zu schludern: Wie berichtet, wird jeder dritte Pflegebedürftige nach dem jüngsten bundesweiten Report der Kassen falsch ernährt und schlecht gelagert.

In Berlin haben die Kassen zwischen 2004 und 2006 bei 17 Pflegediensten gravierende Qualitätsmängel aufgedeckt. Inzwischen wurde diesen Firmen gekündigt. Bei 56 weiteren Diensten hatte der Medizinische Prüfdienst der Kassen (MDK) gleichfalls viel zu bemängeln, sie kamen aber mit Rügen davon. Aus Sicht der Sozialverwaltung, der Fachverbände und Beratungsstellen für Krankenpflege macht das Ausmaß der Beanstandungen die „schwierigere Situation“ der Pfleger deutlich. Zwar will niemand die schwarzen Schafe verteidigen, Verantwortungslosigkeit müsse geahndet werden, heißt es. Doch zugleich ist von „katastrophalen Arbeitsbedingungen“ die Rede.

Verschärft wird diese Krise durch die wachsende Konkurrenz. Immer mehr Anbieter, besonders kleinere Privatfirmen, drängen auf den Pflegemarkt. 2000 gab es in Spandau etwa acht Pflegedienste, heute sind es 22. Stadtweit versorgen 430 Dienstleister 60 000 Patienten ambulant, zwei Drittel sind privat. Wer eine Neugründung wagt, hofft auf die Honorarerhöhungen der Pflegereform ab 2008 – aber vor allem: auf die prognostizierte steigende Nachfrage. Der Anteil der über 75-Jährigen in der Berliner Bevölkerung soll sich bis 2020 verdoppeln.

Die derzeitige schwierige Lage lässt sich aus Sicht von Branchenkennern aber nur mit perfekter Organisation und betriebswirtschaftlichem Know-how bewältigen, was kleinere Neueinsteiger oft überfordert. Andernfalls drohen rote Zahlen – oder die Versuchung nimmt zu, sich mit Qualitätsabstrichen zu retten. Versucht wird auch, mit osteuropäischen Billigkräften zu Discount-Preisen zu arbeiten.

Vor der Einführung der Pflegeversicherung 1994 war weniger Management erforderlich. Einsätze wurden stundenweise vergütet, Hilfen sprach man nach Bedarf ab. „Das war ein entspannteres Arbeiten“, schwärmen noch heute etliche Pfleger. Seit 1994 wird jede Handreichung exakt erfasst. Jede Hilfe hat einen Punktwert, aus dem sich ihre Vergütung errechnet. Um kostendeckend zu arbeiten, muss jede Handreichung folglich innerhalb bestimmter Zeiten erledigt werden. Die Schöpfer der Versicherung wollten mit diesen akribischen Leistungsnachweisen „Honorarbetrug vorbeugen“. Aber sie schufen zugleich eine „komplizierte Bürokratie“, wie Kritiker sagen.

Wie funktioniert die Abrechnung? Zuallererst ermitteln die Kassen den Pflegebedarf des Hilfsbedürftigen. Entsprechend wird ihm eine Pflegestufe zuerkannt. Die Stufe I umfasst einen täglichen Besuch von 1,5 Stunden Dauer, die Stufe II sieht drei tägliche Besuche mit insgesamt drei Stunden vor. Hauspflegekräfte kümmern sich um Haushalt und Körperpflege, die medizinische Versorgung dürfen nur Krankenschwestern oder Altenpfleger erledigen. Entsprechend geben sich verschiedene Mitarbeiter oft die Klinke in die Hand.

Für die Pflegestufe I zahlen die Kassen aus der Pflegeversicherung 384 Euro pro Monat, im zweiten Falle 921 Euro. Zugleich ist festgelegt, wie viel die Sozialstationen für ihre Leistungen berechnen dürfen. Für den „Leistungskomplex 2“ (LK2), die morgendliche Körperpflege, gibt es die genannten 8,24 Euro, fürs wöchentliche Wäschewechseln und die Kleiderpflege (LK12) sind es 19,78 Euro. Richtiges Lagern, um Druckgeschwüre zu vermeiden, plus Bettenmachen wird mit 4,12 Euro honoriert, der wöchentliche Einkauf „inklusive Besorgungszettelerstellen und Einräumen“ mit 9,89 Euro. Zum Vergleich: Eine Handwerkerstunde kostet laut Handwerkskammer durchschnittlich 52,36 Euro.

Dennoch sind diese Honorare für viele Patienten zu hoch. Die 384 Euro für die Pflegestufe I sind allein mit der Körperpflege und dem Frühstück fast aufgebraucht. Springt das Sozialamt nicht ein, müssen sie weitere nötige Hilfen privat bezahlen. Die Pflegedienste klagen dagegen über „zu geringe Honorare“ – und geben deshalb für jede Leistung „Zeitrahmen“ vor: Durchschnittlich sind es zum Beispiel 7 Minuten für die kleine Wohnungsreinigung , 22 Minuten fürs Essenkochen.

Das lässt sich aber nicht generell einhalten. Gebrechliche oder demente Menschen brauchen oft außergewöhnlich lange, bis sie ins Bad gestiegen sind oder ihre Kleider anziehen. Solche Zeitüberschreitungen müssen die Pfleger dann bei flinkeren Kunden wieder einsparen.

Doch wie sollen sie auf Sonderwünsche reagieren wie: „Tragen Sie den Müll runter?“ – obwohl das nicht vereinbart ist. „So etwas darf nicht oft passieren“, sagt der Chef eines Pflegedienstes. „Sonst müssen wir den Leistungsvertrag aufstocken.“ Christoph Stollowsky

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