Berlin : Hilfe im Härtefall: Der Bruder aus Gölcük darf nach Berlin

dos/suz

Die erleichterte Einreise für Bebenopfer wird bereits genutzt. Der Türkische Bund fordert Kontingentregelungdos/suz

Die von der Bundesregierung angekündigte Erleichterung der Einreise von Erdbebenopfern aus der Türkei zu Verwandten nach Deutschland wird bereits von ersten Angehörigen in Berlin genutzt. In den vergangenen zwei Tagen sind bei der Ausländerbeauftragten Barbara John (CDU) die ersten Anträge eingegangen. Sie hatte eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die mit der Innenverwaltung die Vorraussetzungen für die Einreise prüft, nachdem die Bundesregierung unbürokratische Handhabung bei den Formalitäten zusicherte.

Etwa 50 türkischstämmige Berliner haben sich nach Auskunft von Frau John bisher gemeldet. 20 von ihnen hätten einen Antrag für einen humanitären Einzelfall gestellt. "Wirkliche Härtefälle", sagt sie. Ein junger Mann aus Gölcük darf nun zu seinem Bruder nach Berlin. Er habe tagelang Tote und Verletze aus den Trümmern geborgen und brauche drigend eine Umgebungsveränderung. Ebenso kann ein in Berlin lebender Vater relativ unbürokratisch seine unehelich Tochter aus der Türkei nachholen, weil deren Mutter gestorben ist. In der Türkei können sich Ehepartner und minderjährige Kinder an eine extra vom Auswärtigen Amt eingerichtete Visa-Stelle im Flughafen Istanbul wenden, die die Voraussetzungen zur Einreise prüft.

Kenan Kolat vom Türkischen Bund Berlin-Brandburg (TBB) kritisiert diese Regelungen. Ehepartner und Kinder könnten sowieso im Rahmen des Familiennachzuges einreisen. Sinnvoller sei es, ein bestimmtes Kontingent von Menschen - auch ohne Verwandte - über den Winter hier aufzunehmen.

Darüberhinaus erklärte gestern der TBB, dass der Bund die Kritik des Vorsitzenden ihres Dachverbandes - der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD) - nicht teilt. Hakki Keskin hatte in einem Interview erklärt, dass die Soforthilfe der Bundesregierung von fünf Millionen Mark für ein Land wie Deutschland unwürdig sei. Dies führte zu heftiger Kritik in der Öffentlichkeit. Der Hamburger Reiseveranstalter Vural Öger trat daraufhin vom stellvertretendem Vorsitz des TGD zurück. Allerdings führten die Äußerungen Keskins auch nicht zu Streitigkeiten innerhalb des TBB, so die Sprecherin des TBB Eren Ünsal. "Von einer inneren Spaltung kann unter unseren Mitgliedern nicht die Rede sein", sagte sie. Aber der TBB teile die Ansicht, dass Bundeskanzler Schröder mehr Sensibilität zeigen und sein Beileid aussprechen müsse. Erstaunt zeigte sich Hakki Keskin über das Medienecho. Er hätte sich einfach mehr Engagement von offizieller Seite erhofft, sagte er gestern in Berlin. Keinesfalls wolle er damit den Einsatz und die Hilfsbereitschaft der deutschen Bevölkerung und anderer Organisationen schmälern. Indes hat sich der türkische Generalkonsul Alpan "Sölen in einem Schreiben bei dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen für die Hilfe zur Linderung der Not der Erdbebenopfer bedankt.
© 1999

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar