Berlin : Hilfe nach der Tat

Beraubt, bestohlen, belästigt: Hauptkommissarin Tina Jerbi kümmert sich um Menschen, die Opfer eines Verbrechens wurden

Tanja Buntrock

Angefangen hatte es mit einem spontanen Gedanken. „Wir müssen die Frau hier unbemerkt aus der Wohnung bringen.“ Am Ende wurde Tina Jerbi, Opferschutzbeauftragte und Hauptkommissarin der Polizeidirektion 1, bewusst, wie schnell professionelle Opferhilfe in einen kräftezehrenden Einsatz umschlagen kann.

Das war im Sommer 2004. Polizeitaucher hatten gerade die 18-jährige Steffi im Westhafen gefunden. Erwürgt. Sie war zuvor von einem Disko-Besuch nicht nach Hause gekommen. Der Mordfall ging durch alle Medien. „Und die arme Mutter, die ganz alleine war und niemanden hatte, saß in ihrem Haus hinter der Tür und hielt sich heulend die Ohren zu“, schildert Tina Jerbi. Boulevardreporter, die ihr Haus belagerten, hätten mit rüden Mitteln versucht, die Mutter zu einem Gespräch zu zwingen. Und so besorgte ihr die Polizistin eine neue, geheime Bleibe. Mit einem Trick schaffte sie die Mutter aus dem Haus heraus, das von Reportern belagert war. Aber in der neuen Bleibe wollte sie die Frau auch nicht die ganze Zeit alleine lassen. Also fuhr sie täglich dorthin, auch am Wochenende: Immer ein Picknick-Korb gepackt mit Essen für die Mutter und Hygieneartikeln „und was sonst noch so notwendig war“.

Tina Jerbi stand mit ihr die Beerdigung der Tochter durch und schließlich auch den Prozess. Dieser war für die Mutter Monate nach der Tat noch mal ein besonderer Kraftakt. Sie musste dem Mörder ihrer Tochter gegenübersitzen. Doch sie hat es geschafft – weil sie nicht alleine war. „Das war auch für mich eine anstrengende Zeit. Und noch heute besteht regelmäßiger Kontakt zu der Mutter“, sagt Jerbi. „Wichtig ist, dass die Frau jetzt lernt, wieder ihr eigenes Leben in den Griff zu bekommen.“

Tina Jerbi ist seit 1987 bei der Polizei. Damals noch bei der Volkspolizei und nach der Vereinigung auf einer Dienststelle im Westteil der Stadt, hat Tina Jerbi ihren Beruf von der Pike auf gelernt: als eine der ersten Frauen bei der Polizei. Die kleine, dunkelhaarige Beamtin, deren starker Berliner Dialekt bei fast jedem Wort durchdringt, ist Funkwagen gefahren, hat Protokolle geschrieben und immer wieder erlebt, wie das Leben vieler Menschen nach einer Straftat aus den Fugen gerät. „Um die kann sich die Jerbi kümmern, die hat da ein Händchen für“, hieß es dann damals schon beim Vorgesetzten. Vor drei Jahren wurde sie dann offiziell Opferschutzbeauftragte ihrer Direktion, die für den Norden Berlins zuständig ist. Seit der Reform vor drei Jahren bei der Berliner Polizei hat jede Direktion in den Bezirken einen Beamten in dieser Funktion. „Weil man erkannt hat, dass für die Opfer viel mehr getan werden muss“, sagt die Hauptkommissarin. Denn nur ein Opfer, das stabil ist, kann auch eine vernünftige Aussage machen, die später für den Prozess entscheidend sein könnte. Eines gerät oft in Vergessenheit: Ein Opfer muss ein Leben lang mit der Tat leben – und weiterleben. Ob ausgeraubt, bestohlen, verprügelt oder sexuell belästigt: Die Straftaten wechseln. Aber gleich bleibt, was in vielen dieser Menschen vorgeht. Wie werde ich damit fertig? Soll ich Anzeige erstatten? Was, wenn der Täter mir noch einmal auflauert?

Je länger Tina Jerbi über ihre Arbeit spricht, desto wichtiger wird ihr, eines besonders zu betonen: „Ich möchte nicht, dass hier der Eindruck entsteht, ich sei die Mutter Teresa der Polizei“, sagt sie, schiebt dabei ihre Lesebrille etwas hervor und schaut mahnend. Schließlich gäbe es auch andere Kollegen, die sich ebenso um die „Geschädigten“, wie es in der Polizeiakte heißt, kümmerten. Aus Gründen der Sicherheit mag sie nicht viel Privates preisgeben. Ihr Name ist zwar schon bekannt, aber entscheidend sei doch eh die Arbeit, die sie macht, sagt die Mutter zweier erwachsener Kinder. Bevor sie Schutzbeamtin wurde, gab es ein anderes Leben: Auch da hat sie viel Leid gesehen. Jahrelang arbeitete sie als Krankenschwester in der Unfallchirurgie. Auch deshalb fiele es ihr nicht schwer zu erkennen, dass eine Frau von ihrem Mann verprügelt worden und nicht – wie dann so oft behauptet – die Kellertreppe heruntergefallen ist.

Einmal, da ist Tina Jerbi wieder mal „wegen häuslicher Gewalt“ von ihren Kollegen alarmiert worden. Das Opfer: Eine junge Frau, drei Kinder, zwei davon leben bei einer Pflegefamilie. Die Frau wurde fast totgeprügelt von ihrem Freund. „27 Rippenbrüche und ein geschwollenes Gesicht, das so dunkel blutunterlaufen war wie ein brauner Medizinball“, schildert Jerbi. „So was habe ich vorher noch nie gesehen.“ Sie fuhr zu der Verletzten ins Krankenhaus. Nach einem Gespräch war die Frau bereit, ihren Freund anzuzeigen. Sie war bereit, eine Entziehungskur von den Drogen und dem Alkohol zu machen. Und sie war bereit, in eine andere Wohnung zu ziehen. Doch irgendwann rückte der Prozess näher: Die Frau bekam Angst, ihrem Peiniger wieder gegenüberstehen zu müssen. Tina Jerbi begleitete sie in den Gerichtssaal. Das Opfer sagte aus. Der Mann kam in den Knast. Und das Schönste, sagt Jerbi, passierte nach der Verhandlung, als sie noch eine Kaffee tranken: „Wenn ich so weitermache, dann bekomme ich vielleicht auch irgendwann meine beiden Kinder zurück“, habe die Frau gesagt. Und das, sagt Jerbi, sei ein Zeichen gewesen: Dass die Frau ihr Leben langsam wieder in den Griff bekommt.

So, wie die Mutter der ermordeten Steffi. Sie lebt in einer neuen Wohnung und ist wieder bereit, arbeiten zu gehen. Manchmal ruft sie Tina Jerbi auf dem Handy an. Oder sie schreibt eine Karte. Und manchmal kommt sie vorbei. So, wie dieses Mal: Vor der Tür steht die Mutter freundlich lächelnd. Sie hat Blumen mitgebracht.

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